Die anfängliche Euphorie vieler Medien nach dem Ende des Milosevic-Regimes in Jugoslawien und der Tudjman-Ära in Kroatien ist in Südosteuropa heute Ernüchterung gewichen. Finanzprobleme, Monopolstrukturen und anhaltender politischer Druck gefährden weiter die Unabhängigkeit von Medien in vielen Ländern der Region, wie Journalisten und Medienvertreter am Freitag bei den "Alpbacher Mediengesprächen" klar machten. Erschwert werden diese Probleme durch mangelnde Qualifikation der Journalisten. Gewalt gegen Journalisten Im Jahr 2001 zählte die zum Internationalen Presse Institut (IPI) gehörende Südosteuropäische Medien-Organisation (SEEMO) zahlreiche Fälle, in denen Journalisten bedroht wurden, die meisten davon in Bosnien-Herzegowina (41), Serbien (21), Rumänien (14), Mazedonien (12) und Kroatien (11). "Wir sind sicher, dass es in Wirklichkeit mehr Fälle sind", sagt der SEEMO-Generalsekretär und frühere Korrespondent der Tageszeitung "Die Presse" in Belgrad, Oliver Vujovic. Im Kosovo seien im Vorjahr zwei Journalisten ermordet worden, in Serbien und Mazedonien jeweils einer, fügt Vujovic hinzu. Hinter den Drohungen stünden Regierungen, Parteien, die Mafia, Unternehmen und - so Vujovic - "seltsamerweise" auch rivalisierende Medienunternehmen. Im Vorfeld der Parlamentswahlen in Mazedonien etwa, verdeutlicht der Generalsekretär, "versucht die Regierung alles, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen". Hoffnungen wurden nicht erfüllt "Der politische Druck und die Verfolgung von Journalisten hat aufgehört", sagt Zrinka Vrabec-Mojzes, ehemalige Chefredakteurin des unabhängigen Zagreber "Radio 101". Nach dem Tod des Staats- und Parteigründers Franjo Tudjman Ende 1999 und der anschließenden Abwahl seiner Kroatischen Demokratische Gemeinschaft (HDZ) von der Regierung hätten sich dennoch viele Hoffnungen der Journalisten nicht erfüllt. Journalismus in Kroatien sei heute vielmehr durch die enorme Medienkonzentration bedroht, die - wie Vrabec-Mojzes formuliert - ihre Wurzeln in den "kriminellen Privatisierungen" zur Zeit des Tudjman-Regimes hat. 90 Prozent des Printmedienmarktes werde von den drei größten Konzernen des Landes kontrolliert, während das Fernsehen noch immer ein staatliches Monopol sei. Die Zagreber Journalistin beklagt vor allem einen "politischen Sensationsjournalismus", der auf Kosten von Information und Glaubwürdigkeit der Medien gehe. So erfahre etwa die kroatische Öffentlichkeit so gut wie gar nichts über die europäische Integration, 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung misstrauten generell den Nachrichten. Diese Einschätzung treffe auch auf sein Land zu, konstatierte Radomir Licina, leitender Redakteur der Belgrader Tageszeitung "Danas". "Wir sind nur etwas freier, aber noch nicht frei", beschreibt er den Wandel in der Branche seit dem Sturz des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic vor zwei Jahren. Viele restriktive Bestimmungen des Strafgesetzes seien in Kraft, wirtschaftlichen und politischen Druck bekämen seine Kollegen auch heute noch zu spüren, so Licina. Auch er beklagte die Dominanz von Boulevardblättern in der serbischen Presse. Diese Titel zeichneten sich durch Hasskampagnen, Falschinformationen und fehlende Berichterstattung über "die wirklichen Probleme des Landes" aus. Auf die schlechte journalistische Ausbildung in seinem Land wies der Direktor des albanischen Fernsehens, Eduard Mazi, hin. 70 Prozent der Journalisten seien jünger als 25 Jahre. Hinzu komme die schlechte Bezahlung von Redakteuren und Medienmitarbeitern - laut Mazi im Durchschnitt 170 Euro pro Monat -, wodurch eine zusätzliche Abhängigkeit von Wirtschaftsgruppen und Politikern entstehe. Zahlreiche Zeitungen würden von der Mafia kontrolliert, so Mazi: "Wenn jemand ein großes Geschäft betreibt, gründet er eine Zeitung, eine kleine Radio- oder TV-Station, um sein Geschäft zu schützen." (APA)