Als logische Folge einer stets steil ansteigenden Karriere kann dem brillanten Staatsbeamten Stéphane Martin das Eigenschaftswort "ministrabel" zugeordnet werden. Als eventueller Kulturminister einer konservativen Regierung wäre der klare Denker, rasch und präzise Formulierende und vielseitig erfahrene Kulturmanager, Absolvent der Verwaltungs-Eliteschule ENA (Ecole nationale d'administration) eine Idealbesetzung. Der 46-jährige Martin war die rechte Hand der Centre-Pompidou-Präsidentin Hélène Ahrweiler; Direktor für Musik und Tanz im Kulturministerium; Kabinettschef von Kulturminister Philippe Douste-Blazy und bis 1998 Direktor des (damals im Aufbau befindlichen) Kultur- und Kongresszentrums "Forum Grimaldi" in Monte Carlo. Er interessiert sich für Musik (besonders Oper) und Tanz, sammelt leidenschaftlich antiquarische Reisebücher, reist viel und weit.

Derzeit ist Stéphane Martin Herr über eine Riesenbaustelle von 2,5 Hektar in unmittelbarer Nähe des Eiffelturms, wo die Erbauung des Stammeskunstmuseums (diplomatisch nach seiner Adresse "Musée du Quai Branly" genannt, www.quaibranly.fr) auf vollen Touren läuft. Martin ist seit 1998 Generaldirektor des von Staatspräsident Jacques Chirac persönlich gewünschten Museums, das - trotz der aktuellen Bauphase - juristisch bereits wie ein Museum funktioniert. D.h. das "Musée du Quai Branly" kann per Vorkaufsrecht auf Auktionen kaufen (im Klartext: dem Endbieter das Los zum Hammerpreis wegschnappen), vorhandene Sammlungen durch Ankäufe ergänzen, Personal anstellen, Ausstellungen oder Kolloquien organisieren, Labor- und Büroräume mieten, wo bereits die nötigen konservatorischen Vorarbeiten vor der Eröffnung des Museums im Gange sind. Die übernommene Sammlung stammt aus den Beständen von zwei staatlichen Museen, dem Musée des arts d'Afrique et d'Océanie und dem Musée de l'Homme, deren Objekte derzeit gereinigt, inventarisiert und fotografiert werden, um im Computer in drei Dimensionen und mit alten und neuen Beschreibungen abrufbar zu sein.

Das Musée du Quai Branly ist mehr als ein Stammeskunstmuseum mit Beständen aus Afrika, Ozeanien, Nord- und Südamerika sowie Asien. Denn das Direktorium entwickelte mit Stararchitekt Jean Nouvel ein völlig neues Konzept: ein Museum für Kunst und Zivilisationen, das einen doppelten, nämlich wissenschaftlichen und kulturellen, Auftrag erfüllen wird und Ende 2004 eröffnet werden soll. Die Kosten für den Bau sind mit 168 Millionen Euro angesetzt. Die Finanzierung tragen das Wissenschafts-und das Kulturministerium zu gleichen Teilen. Der Museumsbau, ein durchgehendes Gebäude von 170 Metern Länge und 35 Metern Breite, vorwiegend aus Glas, wird auf Pfählen stehen und von einem riesigen Park mit hohen Bäumen umgeben sein. Jean Nouvel legt Wert darauf, dass der Besucher "in eine andere Welt" eintritt, was er auch chromatisch suggeriert.

Stéphane Martin und sein Museumsdirektor Germain Viatte verfügen in der Aufbauphase des Branly-Museums, d.h. dem Zeitraum von 1998 bis 2004, über ein Ankaufsbudget von 22,86 Millionen Euro, wovon nur noch rund sechs Millionen Euro übrig bleiben. "Wir kaufen kohärente Werkgruppen, zu denen ein Maximum an Informationen vorliegt", erklärt Martin: "Wie den Teil der Sammlung Barbier-Mueller mit 500 Schmuckobjekten aus dem indonesischen und philippinischen Raum, den wir in diesem Jahr für acht Millionen Schweizer Franken ankauften. Zudem vermachte uns Jean-Paul Barbier eine bedeutende Schenkung an entsprechenden Textilien. Als kürzlich eine Erbengemeinschaft eine maghrebinische Sammlung mit Keramik verkaufte, nahmen wir selbstverständlich die Gelegenheit zum Ankauf wahr. Wir erwarben überdies chinesische Textilien. Generell ergänzen wir Lücken in den Sammlungen, oder wir verstärken unsere gut bestückten Seiten, die sich en gros mit den ehemaligen Kolonien decken. Dabei nehmen wir prinzipiell eine passive Haltung ein, um keine überhöhten Preise zu bezahlen."

Obwohl die Preise für Kunst außereuropäischer Kulturen in den letzten zwei Jahren extrem hochschnellten, meint Stéphane Martin nicht, dass der Aufbau des neuen Museums direkt dazu beigetragen habe. Er fügt jedoch hinzu: "Wir haben bis jetzt nur ein knappes Dutzend Objekte auf Auktionen gekauft. Der Markt für Stammeskunst ist - per definitionem - diskret und geheim. Er ist quasi auf die Galerien beschränkt, weshalb die Auktionspreise kein reelles Preisbild widerspiegeln. Das Museum übt vermutlich einen indirekten Effekt auf die Preisgestaltung aus, indem es neue Sammlungen auf den Plan ruft, wie die Auktion der Sammlung René Gaffé (im Dezember 2001 bei Christie's) bewies. Diese neuen Käufer kommen von der Malerei her und denken in völlig anderen Preiskategorien. D.h. man konstatiert eine soziologische Veränderung unter den Sammlern." Stéphane Martins Hauptaufgabe besteht im Moment darin, die juristischen und administrativen Statuten des Museums auszuarbeiten. Die Frage, welchen Stempel er persönlich dem Museum aufsetzen möchte, geniert ihn etwas: "In keinem Fall darf es eine ideologische Ausrichtung haben wie die kolonialistisch orientierten Museen früherer Zeiten."
(Olga Grimm-Weissert/DER STANDARD, Album, Printausgabe, 31.08.2002)