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Ein Modell der vom Wiener Architektenteam Coop Himmelb(l)au geplanten Wohnbebauung beim Gasometer in Wien. - Photo: Gerald Zugmann

Gerald Zugmann/APA
In den Modellen von Coop Himmelb(l)au zum Beispiel kann er mehr erblicken als die Planer selbst. Gute Architekturlehrer gönnen ihren Studenten einen Spielraum, der so groß ist wie die ganze Welt. Tobt euch aus, sagen sie, probiert alles aus, experimentiert mit den Formen, den Räumen, lebt eure Träume in Modellen aus und lasst die Architektur fliegen. Denn in der Wirklichkeit, später dann, in den Büros und Amtsstuben und auf der Baustelle, werdet ihr ohnehin rasch auf den Boden der Realität zurückgeholt werden. Ebendieser Spielraum zwischen der Idee, den daraus resultierenden Architekturmodellen und dem tatsächlich Gebauten ist einer der spannendsten Bereiche der Architektur überhaupt. Selbst Planer, die nur wenige oder gar keine Projekte tatsächlich realisiert haben, konnten mit ihren Visionen die Architektur ihrer Zeitgenossen und Epigonen beflügeln. Zaha Hadid beispielsweise machte mit dynamischen Entwürfen und einer gekonnten Präsentation Furore, lang bevor sie die ersten Grundfesten in den Erdboden versenkte, Buckminster Fullers großteils nicht gebaute Ideenwelt befruchtete die Architektur über Generationen hinweg, Friedrich Kiesler, der seinerzeit buchstäblich Hunger litt, gilt heute als einer der avantgardistischsten Raumexperimentierer überhaupt. Die Szene lebt nun einmal nicht nur von den rechnenden Machern, sondern auch von den freigeistigen Denkern, von denjenigen, die vielleicht schon einen Schritt voraus sind und sich damit meist selbst kommerziell über den Abgrund wagen. Derzeit gibt es Tendenzen vor allem in der deutschen Architekturkritik, Letzteren die Berechtigung abzusprechen und Erstere streng zu fördern. Ob dieser naseweis erhobene Zeigefinger Sinn macht, ist zumindest hinterfragenswert, die rechte Mischung aus beidem scheint wünschenswert. Die Wiener Architekten Coop Himmelb(l)au nähern sich Letzterem, sie zählen nicht nur hierzulande zu den Experimentierern, zu denjenigen, die Frechheit über Raum und Materie zum Entwurfsprinzip erklärt haben. Während viele - vor allem junge - Büros derzeit die dreidimensionalen Talente ihrer Computer ausreizen und Architektur vor allem in Form farbenprächtiger Renderings präsentieren, arbeiten die Himmelblauen quasi noch altmodisch studentisch mit den bewährten Mitteln des rasch produzierten Modells. Zwischen Miniaturarchitektur aus dem Modellbaulabor und Endresultat auf der Baustelle pflegen sie einen Katalysator zum Einsatz zu bringen, und der ist Fotograf und heißt Gerald Zugmann. Zugmann wird von seiner Klientel stets nur "Das Auge" genannt, und das aus gutem Grund. In den oft herzzerreißend fetzig aus Tixo, Nägeln, Transparentpapier, Pappendeckel, Styrodur, Draht, Blech und anderen Billigmaterialien gemachten Arbeitsmodellen der Architekten erblickt er Qualitäten und Schwächen, die den Planern selbst nicht bewusst waren. Er leuchtet die Gebilde aus, sieht, spürt, fotografiert. "Tatsächlich sind die Modelle von Coop Himmelb(l)au oft schleißig gemacht und in einem grauenhaften Zustand, doch gerade das macht ihren Charme aus", sagt Zugmann. "Er arbeitet zwar gewöhnlich einen ganzen Tag lang konzentriert, doch mehr als ein, zwei Fotos bekommen wir selten von ihm", sagt Wolf Prix. "Diese Modelle sind eben keine Präsentations-, sondern Arbeitsobjekte, und diese Offenheit lässt inhaltliche und räumliche Interpretation zu", sagt Peter Noever. MAK-Chef Noever hat soeben ein Buch über Zugmanns faszinierende Coop-Modellfotos aus den vergangenen Jahrzehnten herausgebracht. Die Publikation heißt "Blue Universe. Modelle zu Bildern machen", ist der Begleitband zu einer Ausstellung, die im MAK-Zentrum in Los Angeles über den Sommer zu sehen war und präsentiert eine Zeitreise durch das himmelblaue Universum. Der Trip beginnt mit aktuellen Projekten wie dem Akron Art Museum in Ohio, der BMW-Welt in München und dem Musée des Confluences in Lyon und setzt sich mit Fotos von fiktiven sowie gebauten Arbeiten fort bis zum Projekt "Hot Flat" aus dem Jahr 1978. Damals erschien das mittlerweile vergriffene Buch "Architektur ist jetzt", für das Zugmann die ersten Coop-Himmelb(l)au-Modelle vor die Linse genommen hatte, und mit dem die mittlerweile über zwei Jahrzehnte andauernde Arbeitssymbiose zwischen Fotograf und Architekten begann. Zwei Jahre nach "Architektur ist jetzt" eröffnete in Wien das legendäre Lokal "Roter Engel", und wer den Namen nie so recht verstanden hat, der darf dank Zugmanns Modellfoto ein zeitverzögertes Aha-Erlebnis erfahren: Hier fliegt er, der Rote Engel, mit langen, flatternden roten Schwingen, ein bizarres Geschöpf, das in die Dunkelheit abzuheben scheint. "Mit der Beleuchtung fangen die Objekte zu leben an", sagt der Fotograf: "Ich versuche, mit dem Licht die Dinge, die mir wesentlich erscheinen, herauszubringen und den Blick des Betrachters dorthin zu lenken, wo ich ihn haben will." Grob hingeschnitzte Pappendeckelmodelle, wie etwa das der Merz-Schule in Stuttgart, werden so zu markanten Skulpturen, die Fotokunst, die dahinter steckt, zeigt handwerkliche Brillanz: Tatsächlich nur zentimetergroße Türen werden zu hinterleuchteten Portalen, feiner Lichthauch macht Konturen spürbar, klare Schattenwürfe arbeiten Plastizität und Tiefe heraus, Innenräume scheinen zu fluoreszieren. Für die Architekten selbst sind diese Zugmann-Kunstwerke Arbeitszeug und Inspirationsquelle. Im Modell zum Unterhaltungszentrum für die mexikanische Stadt Guadalajara sah der Fotograf beispielsweise ein "Viech am Sprung", und er fotografierte das großformatige Modell auch entsprechend. Das fertige Abbild, so Prix, war konkret der Anlass dafür, die zuvor etwas flache, schnoddrige Dachstruktur noch einmal zu überdenken und verbessert neu zu entwerfen. Die Modelle und ihre Fotos seien "Werkzeuge der Entwurfsarbeit und Prozessdarstellungen. Zugmann greift tatsächlich in unsere Arbeit ein, er macht den Traum sichtbar, holt etwas heraus, das dem Projekt innewohnt und das am Modell oft nicht direkt sichtbar ist. Er hält uns allerdings nicht einen Spiegel vor, sondern verrät Geheimnisse, durchaus im positiven Sinn." Zugmanns Fotos sind Traumbilder , perfekt inszeniert, mit Licht zurechtgeschliffen und vielfach deutbar. Die Realität befindet sich lediglich in Form eines kleinen Beiwerks im Anhang des Buches: Dort sind in chronologischer Ordnung alle Projekte noch einmal aufgelistet und mittels Gebäudefotos der realisierten Architekturen, Plänen sowie Originaltexten von Coop Himmelb(l)au ausreichend erläutert. Und wieder entwickelt sich zwischen den Zugmann-Fotostrecken und den schlichten Baubeschreibungen ein Spannungsfeld, diesmal eines zwischen Traum und Wirklichkeit, und der Leser selbst kann in dieser Zwischenwelt lustwandeln, Thesen bilden, neue Perspektiven finden. Wer seine Fantasie durch die oft gespenstisch grünlich-bläulichen Räume zum Spaziergang schickt und wirklich dazu bereit ist, sich konzentriert auf die Fotos einzulassen, wird in Gerald Zugmanns blauem Coop-Universum ein zauberhaftes Buch entdecken. (Von Ute Woltron//DER STANDARD, Album, Printausgabe, 31.08.2002)