Eric Frey

Wolfgang Ruttenstorfer ist einer der besten Manager, die Österreich vorzuweisen hat. Er war ein hervorragender Finanzvorstand bei der OMV und als Staatssekretär im Finanzministerium ein helles Licht im Kabinett Klima. Ruttenstorfer wäre auch ein guter Finanzminister und ist wohl der beste Mann, um die OMV ins nächste Jahrtausend zu führen.

Einem Mann mit so vielen Talenten fällt es manchmal schwer, sich zu entscheiden. Vor knapp drei Jahren folgte Ruttenstorfer dem Ruf seines früheren Vorstandskollegen Viktor Klima in die Politik; nun, nach verlorener Wahl und wachsender Ratlosigkeit in der SPÖ, zieht es ihn in die Wirtschaft zurück. Auch das wäre an sich noch kein Pro- blem, schließlich ist es auch in den USA üblich, dass gute Leute zwischen Wirtschaft und Regierung häufig wechseln. Ein Manager, der in die Politik geht, muss deshalb kein "Kainsmal" tragen, wie Finanzminister Rudolf Edlinger sagt - und muss auch nicht als Politiker in Pension gehen.

Doch die OMV ist nicht irgendein privates Unternehmen. Sie ist Österreichs größter Industriekonzern und einer, in dem der Staat noch immer das Sagen hat. Zwar wurde der Anteil des Bundes auf 35 Prozent hinuntergefahren, doch dank des Syndikatsvertrages mit dem Großaktionär aus Abu Dhabi bleibt die ÖIAG die höchste Gewalt. Wer direkt aus der Regierung an die Spitze eines solchen Unternehmens wandert, muss erst beweisen, dass seine Bestellung den international üblichen Kriterien gerecht und nicht politisch motiviert war.

Das hat ein Mann wie Ruttenstorfer nicht verdient. Er, der in anderen Ländern aus eigener Kraft Karriere machen könnte, muss sich in Österreich politischer Seilschaften bedienen, wenn er Karriere machen will. Weil sich der Staat nur zum Teil aus der verstaatlichten Industrie zurückgezogen hat, gibt es kaum einen Großkonzern oder eine Großbank, wo die Spitzenpositionen nicht auch nach politischen Kriterien und nach Parteifarben besetzt werden. Wer dieses Spiel nicht mitmachen will, muss ins Ausland abwandern. Dort reüssieren viele Österreicher auch ohne Parteibuch.

Nun könnte man einwerfen, dass dieses System nicht so schlecht sein kann, wenn in ihm Leute wie Ruttenstorfer Spitzenpositionen erklimmen. Doch die politische Postenvergabe ist so harmlos nicht; sie ist einer der wichtigsten Gründe für den wachsenden Unmut über die heimische Politik und das Wahlergebnis vom 3. Oktober. Und für börsennotierte Unternehmen wie die OMV, die auf internationale Anleger angewiesen ist, bleibt die Politisierung ein Klotz am Bein, der den Börsenkurs und damit die langfristigen Expansionsmöglichkeiten entscheidend schwächt.

Dass bei Rochaden `a la Ruttenstorfer die Spielregeln der Politik und nicht jene der Wirtschaft dominieren, hat auch das Vorgehen des Staatssekretärs gezeigt. Statt die Ankündigung seiner Rückkehr den zuständigen Gremien zu überlassen und dem amtierenden OMV-Chef Richard Schenz einen würdigen Abgang zu erlauben, ist Ruttenstorfer selbst vorgeprescht. Damit folgt er dem Beispiel vieler Kabinettskollegen, die mit Schlagzeilen versuchen, sich selbst ins Gespräch und so in die nächste Regierung zu bringen. Jedoch verstößt das gegen ein ungeschriebenes Gesetz der Wirtschaft.

Ruttenstorfer ist für die Eigentümerstruktur der österreichischen Wirtschaft nicht direkt verantwortlich, und er hat als Staatssekretär für den Rückzug der Politik aus der Wirtschaft gekämpft. Aber er hat Edlingers Kampf, den Staat als Kernaktionär zu erhalten, unterstützt und dazu beigetragen, dass Österreichs Wirtschaft auch in Zukunft politisch dominiert bleibt. Das ist ein hoher - wahrscheinlich zu hoher - Preis für den Schutz vor möglichen feindlichen Übernahmen.

Als OMV-Chef wird es Ruttenstorfer daran liegen, dass sein Konzern dem Dunstkreis der Politik entkommt. Vielleicht gelingt es ihm, in diesem Sinne auf den nächsten Staatssekretär einzuwirken.