Sie ist elf und saß neben mir bei einem Abendessen in einem einfachen, ukrainischen Haushalt. Geboren wurde sie noch als Bürgerin der Sow- jetunion. Als sie drei war, verfolgten wir hier gespannt die Fernsehbilder von den Unabhängigkeitsdemonstrationen in ihrer Heimat. Jetzt hörte sie still unseren politischen Diskussionen einige Tage vor den Präsidentenwahlen zu: Kutschma oder Simonenko? Weitere fünf Jahre ohne nennenswerte Reformen unter dem einen oder vielleicht zehn Jahre Weg zurück in die alten Zeiten unter dem anderen? Meine kleine Tischnachbarin konnte der Debatte wohl nur zum Teil folgen. Aber es ging um nicht weniger als ihre Zukunft, die nicht und nicht beginnen will, wie es scheint. Weil ihr Land einfach nicht vom Fleck kommt.

Als ich Anfang der 60er-Jahre elf war, dachte ich unwillkürlich, befand sich mein Land gerade im besten Aufschwung. Bei allem Fleiß der Aufbaugenerationen: Es hatte sich auch mit viel Glück auf die Butterseite der Nachkriegsentwicklung in Europa schlagen können. Aber schon ab unserer östlichen Staatsgrenze liefen die Dinge völlig anders. Und bis zum heutigen Tag verteilen sich die Lebenschancen der Menschen dieses Kontinents ziemlich ungleich.

Aber die Diskussion um die "Osterweiterung" der Europäischen Union läuft auch hierzulande so, als wäre es ganz selbstverständlich, dass die einen seit einem halben Jahrhundert mehr Chancen haben, als sie nützen können oder wollen, während den anderen populistisch angekreidet wird, dass sie mit einem Bruchteil der Chancen nicht schon in einem Viertel der Zeit unser Niveau erreicht haben.

Bleiben wir doch lieber auf dem Teppich, anstatt vom hohen Ross für andere Schicksal zu spielen! Es geht um die faire Weitergabe jenes Impulses, von dem wir selbst profitieren konnten. Also auch um eine Art Westerweiterung des gesamteuropäischen Langzeitgedächtnisses.

Ich gestehe, dass ich mich angesichts meiner kleinen ukrainischen Tischnachbarin insgeheim für den Stil unserer EU-Osterweiterungsdiskussion geschämt habe.