Nachdem die israelischen Streitkräfte in den letzten Wochen verstärkt nächtliche Kommandoaktionen auf Gaza- Stadt durchgeführt hatten, denen rund dreißig Menschen zum Opfer fielen, griffen sie in der Nacht zum Montag erstmals seit Monaten auch in größerem Umfang Khan Younis, die zweitgrößte Stadt im Gazastreifen, an. Gegen ein Uhr morgens bezogen bis zu vierzig israelische Panzer, begleitet von anderen Kampffahrzeugen und aus der Luft unterstützt von Apache- Kampfhubschraubern, rund um das Al-Amal-Viertel in Khan Younis Stellung. Israelische Quellen geben als Begründung für die Aktion an, dass einige Stunden zuvor palästinensische Militante die jüdische Siedlung Ganei Tal nahe Khan Younis mit Mörsergranaten beschossen hätten. Dabei war Sachschaden entstanden. Al-Amal ist eine dicht besiedelte Wohngegend im Westen von Khan Younis, etwa 2500 Menschen leben dort. Gegen vier Uhr morgens startete palästinensischen Angaben zufolge der Angriff, eine Stunde lang wurde Al-Amal mit Panzergranaten und Hubschrauberraketen beschossen. Mehrere Häuser wurden beschädigt und insgesamt 14 Palästinenser getötet, die Anzahl der Verwundeten soll über hundert betragen, etliche davon sind in kritischem Zustand. Alle Toten sollen Zivilisten sein, darunter ist auch Walid Sabah, ein 13-jähriger Junge, der von einer Kugel ins Genick getroffen wurde. Palästinensische Stellen erheben schwere Vorwürfe gegen die Israelis, sie sollen bewusst palästinensische Rettungsfahrzeuge daran gehindert haben, verletzte Palästinenser zu bergen. Ein Rettungsfahrzeug wurde von den israelischen Truppen zerstört, zwei Sanitäter getötet. Augenzeugenberichten zufolge haben israelische Kampfhubschrauber im Zuge dieses Angriffes gezielt in Menschenmengen geschossen, einmal in Al-Amal selbst und ein zweites Mal auf die Angehörigen von Verletzten, die sich im Nasser-Krankenhaus in Khan Younis versammelt hatten. Viele der bisher etwa 1700 palästinensischen Toten der Al-Aqsa-Intifada wurden auf diese Weise getötet: Palästinenser pflegen ungeachtet der Gefahr unverzüglich zum Ort israelischer Angriffe zu laufen und sich dort zu versammeln, um Verletzten zu helfen und nach Toten zu suchen. Dabei werden sie oft von weiteren Bombardierungswellen der israelischen Luftwaffe getroffen. Nachdem die israelischen Kampfverbände gegen fünf Uhr morgens Khan Younis verlassen hatten, nahmen noch israelische Scharfschützen aus ihren Positionen rund um die Stadt menschliche Ziele ins Visier, dabei sollen mehrere Menschen zum Teil schwer verletzt worden sein. Islamischem Ritus zufolge wurden die Toten des gestrigen Morgens noch gestern Nachmittag in Khan Younis beerdigt. Tausende Menschen nahmen an diesen Begräbnissen teil, darunter auch Vertreter aller militanten Palästinenserorganisationen: Hamas, Djihad Al-Islami und die Al- Aqsa-Brigaden. Sie alle schworen Vergeltung für den israelischen Angriff. Einer Nacht der militärischen Gewalt folgte am Montagvormittag die Ermordung des Chefs der palästinensischen Anti-Aufruhr-Einheiten, Rajeh Abu Lehiya, in Gaza-Stadt. Als Polizisten verkleidete Palästinenser hatten sein Auto angehalten und Abu Lehiya in das Flüchtlingslager Nusayrat verschleppt, dort wurde er erschossen. Die Palästinenserbehörde beschuldigt die Hamas - am Nachmittag umstellten palästinensische Sicherheitskräfte großräumig das Lager. Überall in den Städten und Siedlungen des Gazastreifens saßen gestern Männer in Gruppen vor ihren Häusern oder in den Cafes und diskutierten, was passiert war. Neben der Empörung über das Geschehene dominiert die Furcht diese Diskussionen, dass Angriffe wie der gestrige nur der Auftakt zu einer umfassenden israelischen Invasion sein könnten.(DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2002)