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Sie könnte eines der leibgewordenen Klischees des Literaturbetriebes sein: jung und blass und kränklich und mit langen, seidenen Haaren, die sie gerne stiefmütterlich nach hinten knotet. Dazu ein Blick, der vor anderen Blicken flieht und ein Sprachtalent, das seinesgleichen sucht. "Diese Frau", schrieb die Süddeutsche Zeitung, als Bettina Galvagni 1997 ihr erstes Buch mit dem programmatischen Titel Melancholia veröffentlichte, "diese Frau ist keine gewöhnliche Frau, aber sie ist sehr schön."

Damals war Bettina Galvagni 21 Jahre alt und galt als literarisches "Fräuleinwunder" - noch einige Zeit, bevor dieser Begriff in Literaturkreisen die Runde machte. Die Krankengeschichte Melancholia hatte sie bereits Jahre vorher, als siebzehnjährige Schülerin am humanistischen Gymnasium in Bozen geschrieben. In einem Akt autobiografischer Entäußerung, bekannte sie, habe "ich mein Hemd vor allen ausgezogen und es ihnen hingeworfen, sie können alle an meinem Leben knabbern, es aufessen wie Nüsse".

Bereits diese Sätze - als Klappentext abgedruckt - verrieten viel vom heiligen Pathos, der dieser Autorin zu eigen war, von der Unbedingtheit, mit der sie ihr Innerstes nach außen kehrte, von der poetischen Wut, mit der sie sprachliche Bilder formte. Das große Knabbern ließ denn auch nicht lange auf sich warten: Der Betrieb, der sich des zarten Fräuleins mit Übereifer annahm, zeigte sich - damit musste man rechnen - auch von seiner tadelnden Seite. Spätpubertär, manieriert, klassisch verbrämt, zu ungefiltert aus dem Krankenleben gefasst: Die Urteile über Galvagnis lyrische Prosa waren mitunter lodernd, die Verteidigungsreden allerdings auch. Dann wurde es still um Bettina Galvagni.

Erst diesen Herbst, also beinahe fünf Jahre nach Melancholia , erscheint nun der Folgeband: Wieder mit einem wie hingehauchten Mädchenporträt auf dem Cover, wieder mit einem lateinischen Wort als Titel. Persona nennt Galvagni diesmal ihr Buch, das ausdrücklich mit der Genrebezeichnung "Roman" versehen ist. Und auch wenn die Anknüpfungspunkte an die frühere Wortsuada nicht zu übersehen sind: Vieles ist diesmal anders. Bettina Galvagni hat zwischen sich und ihrem Schreiben einen Riegel geschoben, und das ist gut so.

"Die erste menschliche Geste ist das Aufsetzen einer Maske", heißt es im Roman. Eine Menge an Schmerz vermittelt sich in dieser zentralen Passage von Persona: das Bewusstsein, dass Schreiben (auch jenes über die eigene Person) schon immer ein Akt der Verformung und natürlich auch der Verfälschung ist (Persona bedeutete im antiken griechischen Theater ja die Maske des Darstellers). Aber auch Erleichterung wird spürbar. Denn die diesmal beschriebene Krankengeschichte - wieder bleibt Galvagni bei ihrem Thema - ist nun nicht mehr zwangsläufig als jene der Person Galvagnis zu lesen.

Im Mittelpunkt steht Lori, ein schwaches, von Trauer umflortes Geschöpf, "ein kleines Mädchen", das gar nicht mehr so klein ist und "das nicht weiß, womit es spielen soll". Das sind jedenfalls die Worte ihrer Therapeutin Eliza, zu der die Studentin mehrmals in der Woche fährt, um von sich und vor allem über ihre Kindheit zu erzählen. Von Anne, der Tänzerin, deren Krankheit, deren Tod und deren Vater, der sie sexuell missbrauchte. Von ihrem Lehrer, den sie Ulysses nennt und mit dem sie ein Verhältnis hatte. Und von ihrer Französischlehrerin Elvira.

Es ist also die Geschichte eines höchst fragilen Innenlebens, die Galvagni in Persona beschreibt. Eine Geschichte aus dem Elfenbeinturm, betrachtet durch den Filter therapeutischer Sitzungen. Einen maßgeblichen Anteil an der Erforschung der Vergangenheit beansprucht dabei der Prozess der Therapie selbst. Im Laufe der Sitzungen verliebt sich Lori in Eliza, gemeinsam mit Ulysses reist sie ihr nach Israel nach, dem Land, in dem Elizas Mann als Diplomat arbeitet.

Bleibt man in psychoanalytischen Denkmustern (und Galvagni spielt mit ihnen offensiv), handelt es sich bei der Liebe Loris zu Elizas um eine klassische Übertragungssituation oder, um Freud zu zitieren, um "die Ersetzung einer früheren Person durch die Person des Arztes". "Du willst sagen, dass du davon träumtest, Anne zu sein", sagt Eliza einmal zu Lori. In diesen Denkkosmos passen denn jede Menge weiterer Einzelheiten in diesem Roman: Zigaretten, die an entscheidenden Stellen entfacht werden, Archäologie-Metaphern, klassische Mythengestalten. Auch die Beziehung zu Alexander, dem Bruder Annes, lässt sich - wenn man so will - in diese Richtung "dechiffrieren".

Der Qualität von Galvagnis Roman tut dieses manchmal penetrante Naheverhältnis zu psychoanalytischen Interpretationsmustern keinen Abbruch. Denn die Stärken Galvagnis liegen weniger in der Komposition als in der Suggestivität ihrer Prosa. In der Zartheit ihrer Wortwahl. In ihren überraschenden Bildern. Diese ungemein poetische Kraft war in Melancholia noch von zu vielen ungeschickten Metaphern getrübt. In Persona liegen die Extreme nicht mehr so nahe beieinander. Zwar gibt es mancherlei Assoziationsklischees (Küsse - überreife Erdbeeren, Ballerina - Frankreich - Jasminblüten) oder schiefe Vergleiche wie "Die Welt erschien ihr als ein Feld voller halbgekochter Eier, die zerspringen würden, wenn sie drauftrat." Solche Fehlgriffe sind aber beileibe nicht mehr so häufig.

War Melancholia noch ein Aufbäumen gegen die eigene Kindheit, ist Persona von einem Gefühl des Abschiednehmens geprägt. Von einem Gefühl der existenziellen Verlorenheit. Die ständigen Versuche Loris, sich an andere zu binden, sind denn vielleicht auch am besten mit Lacans symbolischer Deutung von Übertragungssituationen zu fassen: Der andere, dem man sich zwanghaft an den Hals wirft, ist das Subjekt, dem man zutraut, die Fäden in der Hand zu halten (sujet supposé savoir). Nachdem diese Illusion allerdings schwindet, bleibt nur die "Geisterstadt", wie Galvagni die Backsteinbauten des psychiatrischen Krankenhauses Steinhof nennt, für Loris Rückzug.

Zu Anfang des Buches ist Lori noch zu Gast in den Pavillons, Gast bei der Ärztin Elvira, zu Gast in Bernhards literarischem Reich von Wittgensteins Neffen. Am Ende wird sie selbst zu einer Insassin auf dem Hügel über der Stadt. Während eines Konzerts im Musikverein, nachdem Eliza endgültig nach Israel gezogen war, verletzte sich Lori nämlich selbst mit einem Messer - die Anspielung auf Jelineks Klavierspielerin ist nicht zu übersehen, auch wenn Persona an einem ganz anderen Ende der heimischen Literatur anzusiedeln ist. Eher in der Nähe einer Bachmann als einer Jelinek.

Noch sind die Fußstapfen, in die Bettina Galvagni tritt, aber um einiges größer als ihre eigenen. (Von Stephan Hilpold/DER STANDARD; Printausgabe, 12.10.2002)