Berlin ist die Stadt der Zeitzonen. Es gibt keine Studentenviertel und keine bürgerlichen Gegenden, auch Arbeiterbezirke oder Büro-Citys wird man vergeblich suchen. Stattdessen lässt sich die Stadt in Abschnitte stehen gebliebener Zeit rastern. In Kreuzberg ist es noch immer wie kurz vor Mauerfall, in Charlottenburg blickt man den Bohemiens ins Gesicht, die man in den letzten Fassbinder-Filmen gesehen hat. In Mitte ist man in der Epoche der New Economy, und auch hier wirken die Menschen, als seien sie irgendwann in einen Dornröschenschlaf versetzt worden und würden mit dem, was sie gerade machen, alle Zeiten überdauern.

The Royal Shop

Man hat oft gerätselt, warum man sich in Berlin immer so fühlt, als würde man durch den zweiten Teil des vergangenen Jahrhunderts gebeamt. Wahrscheinlich war Westberlin früher einfach zu klein. Raus konnte man ja nicht so einfach, also musste man sich wohl in die Tiefe der Zeiten flüchten. Wie auch immer, am Ende der Choriner Straße schreibt man jedenfalls ungefähr 1991, und das bedeutet, dass der Prenzlauer Berg hier noch in Ordnung ist. In diese Ecke des Szenebezirks hat sich noch keine Szene verirrt, weder findet man Fünf-Blatt-Rucola-mit-Parmesan-Italiener noch die schicken Berufsmüßiggänger mit ihren Umhängetaschen, die den ganzen Tag damit beschäftig sind, so auszusehen, als seien sie gerade aus dem Bett gestiegen.

The Royal Shop

Nein, hier heißen Kneipen noch "Iron Eagle", und hin und wieder sieht man einen Trabi. "The Royal Shop" passt trotzdem in die Gegend, auch wenn es sich um einen dieser weiß gestrichenen Läden mit Bänkchen vor der Tür handelt, bei denen man nie weiß, ob sie Galerie, Geschäft oder Lounge sein wollen.

"The Royal Shop" ist nämlich eine besondere Spezies von Souvenirshop, einer nämlich, der für Zeitreisende konzipiert worden sein muss. Man findet hier alte Küchenschürzen mit diesen blauen Holland-Motiven, Nadeln aus Schanghai, Stricknadeln aus dem Volkseigenen Betrieb Ichtershausen, Berliner Bärchen und Nippes aus Polen.

The Royal Shop

Jedes Souvenir ist liebevoll vor alten Postkarten drapiert und in Plastikfolie geschweißt, doch so kitschig oder nostalgisch die Sachen auch sein mögen - man hat nie das Gefühl, dass sie für Leute gedacht sind, die Trash ja ach so cool finden und das Hässliche für total lustig halten. Diese Gegenstände sind vielmehr Multiples der Erinnerung, denn in seinem fast musealen Rahmen ist das Bärchen genauso Signifikant einer kulturellen Praxis, wie es einfach nur ein Bärchen ist.

The Royal Shop

Bei den Postkarten aus eigener Produktion ist es genauso: "Greetings from Berlin" ist da auf einer Karte mit Plattenbau-Motiven vom Alexanderplatz zu lesen. Dazwischen sind Bilder aus Kiew geschummelt. Man erkennt sie erst, wenn man die russischen Buchstaben entziffert, aber dann werden einem die eigenen Assoziationen umso schlagartiger bewusst. Alexanderplatz-Plattenbau-Russen - mit jedem Souvenir, das man kauft, lernt man auch etwas über die eigenen Klischees.

The Royal Shop

Das klingt jetzt nach Kunst und ist es natürlich auch zum Teil. Die drei Initiatoren kommen alle aus der "Film-Theater-Ecke", wie sie sagen, sie haben Kontakte zur Volksbühne und zu Christoph Schlingensief. Der ist übrigens auch auf einem der Fotos zu sehen, die man hier von sich schießen lassen kann. Das gestellte Bild als Beweis für eine bestimmte Zeit, überholt schon im Moment des Entwickelns - was früher fester Bestandteil der Erinnerungskultur war, findet sich hier als Zitat wieder. Vor dem Hintergrund eines alten Werbeplakats mit dem Slogan "Raus aus dem Alltag - auf nach Berlin". (Verena Mayer, Der Standard/rondo/19/10/2002)

The Royal Shop, Choriner Straße 57, 10435 Berlin;
www.royal-produktion.de

The Royal Shop

Berlin ist die Stadt der Zeitzonen. Es gibt keine Studentenviertel und keine bürgerlichen Gegenden, auch Arbeiterbezirke oder Büro-Citys wird man vergeblich suchen. Stattdessen lässt sich die Stadt in Abschnitte stehen gebliebener Zeit rastern. In Kreuzberg ist es noch immer wie kurz vor Mauerfall, in Charlottenburg blickt man den Bohemiens ins Gesicht, die man in den letzten Fassbinder-Filmen gesehen hat. In Mitte ist man in der Epoche der New Economy, und auch hier wirken die Menschen, als seien sie irgendwann in einen Dornröschenschlaf versetzt worden und würden mit dem, was sie gerade machen, alle Zeiten überdauern.

Man hat oft gerätselt, warum man sich in Berlin immer so fühlt, als würde man durch den zweiten Teil des vergangenen Jahrhunderts gebeamt. Wahrscheinlich war Westberlin früher einfach zu klein. Raus konnte man ja nicht so einfach, also musste man sich wohl in die Tiefe der Zeiten flüchten. Wie auch immer, am Ende der Choriner Straße schreibt man jedenfalls ungefähr 1991, und das bedeutet, dass der Prenzlauer Berg hier noch in Ordnung ist. In diese Ecke des Szenebezirks hat sich noch keine Szene verirrt, weder findet man Fünf-Blatt-Rucola-mit-Parmesan-Italiener noch die schicken Berufsmüßiggänger mit ihren Umhängetaschen, die den ganzen Tag damit beschäftig sind, so auszusehen, als seien sie gerade aus dem Bett gestiegen.

Nein, hier heißen Kneipen noch "Iron Eagle", und hin und wieder sieht man einen Trabi. "The Royal Shop" passt trotzdem in die Gegend, auch wenn es sich um einen dieser weiß gestrichenen Läden mit Bänkchen vor der Tür handelt, bei denen man nie weiß, ob sie Galerie, Geschäft oder Lounge sein wollen.

"The Royal Shop" ist nämlich eine besondere Spezies von Souvenirshop, einer nämlich, der für Zeitreisende konzipiert worden sein muss. Man findet hier alte Küchenschürzen mit diesen blauen Holland-Motiven, Nadeln aus Schanghai, Stricknadeln aus dem Volkseigenen Betrieb Ichtershausen, Berliner Bärchen und Nippes aus Polen. Jedes Souvenir ist liebevoll vor alten Postkarten drapiert und in Plastikfolie geschweißt, doch so kitschig oder nostalgisch die Sachen auch sein mögen - man hat nie das Gefühl, dass sie für Leute gedacht sind, die Trash ja ach so cool finden und das Hässliche für total lustig halten. Diese Gegenstände sind vielmehr Multiples der Erinnerung, denn in seinem fast musealen Rahmen ist das Bärchen genauso Signifikant einer kulturellen Praxis, wie es einfach nur ein Bärchen ist.

Bei den Postkarten aus eigener Produktion ist es genauso: "Greetings from Berlin" ist da auf einer Karte mit Plattenbau-Motiven vom Alexanderplatz zu lesen. Dazwischen sind Bilder aus Kiew geschummelt. Man erkennt sie erst, wenn man die russischen Buchstaben entziffert, aber dann werden einem die eigenen Assoziationen umso schlagartiger bewusst. Alexanderplatz-Plattenbau-Russen - mit jedem Souvenir, das man kauft, lernt man auch etwas über die eigenen Klischees.

Das klingt jetzt nach Kunst und ist es natürlich auch zum Teil. Die drei Initiatoren kommen alle aus der "Film-Theater-Ecke", wie sie sagen, sie haben Kontakte zur Volksbühne und zu Christoph Schlingensief. Der ist übrigens auch auf einem der Fotos zu sehen, die man hier von sich schießen lassen kann. Das gestellte Bild als Beweis für eine bestimmte Zeit, überholt schon im Moment des Entwickelns - was früher fester Bestandteil der Erinnerungskultur war, findet sich hier als Zitat wieder. Vor dem Hintergrund eines alten Werbeplakats mit dem Slogan "Raus aus dem Alltag - auf nach Berlin". Verena Mayer []

The Royal Shop, Choriner Straße 57, 10435 Berlin;
www.royal-produktion.de