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Prodi ist für die Überwindung nationaler Egoismen: "Die Vereinigung Europas muss stets wichtiger sein als nationale Interessen".

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Brüssel/Straßburg - Einen Tag vor ihrem EU-Gipfel in Brüssel hat EU-Kommissionspräsident Romano Prodi die Staats- und Regierungschefs am Mittwoch zur Überwindung nationaler Egoismen aufgerufen. "Die Vereinigung Europas muss stets wichtiger sein als nationale Interessen", sagte Prodi vor dem Europa-Parlament in Straßburg. Erweiterungskommissar Günter Verheugen rief Deutschland und Frankreich auf, einen Kompromiss beim Agrarstreit zu finden. Prodi warnte vor einer Gefährdung des Erweiterungsfahrplans: "Wenn wir uns über Details streiten, dann besteht diese Gefahr". Treffen Chirac - Schröder Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder und der französische Staatspräsident Jacques Chirac wollen sich am Donnerstag noch vor dem Gipfel in der belgischen Hauptstadt zu einem Gespräch treffen. Eine Lösung des Streits um die milliardenschweren Agrarsubventionen gilt als Voraussetzung für einen Erfolg des EU-Gipfels am Donnerstag und Freitag, der den Weg zur Aufnahme von zehn Kandidatenländern in die EU frei machen soll. Die dänische EU-Ratspräsidentschaft hat unterdessen durchblicken lassen, den Gipfel notfalls bis Samstag zu verlängern, um eine Einigung zu erreichen. Auch von einem zusätzlichen Sondergipfel im November war die Rede. Historische Dimension der Erweiterung dürfe nicht unterschätzt werden Kommissionspräsident Prodi appellierte an die Staats- und Regierungschefs der 15 EU-Länder, die historische Bedeutung der Erweiterung nicht aus den Augen zu verlieren. Die Erweiterung müsse ohne Zögern zum Abschluss gebracht werden, um Europa zu stärken. Die Union profitiere ganz erheblich von der Erweiterung, sagte Prodi. "Die Bevölkerung im Gemeinsamen Markt wird um etwa 75 Millionen ansteigen und die Europäische Union auf insgesamt 453 Millionen Einwohner bringen." Verheugen glaubt nicht mehr an Veto-Drohungen von Mitgliedsstaaten Für Erweiterungskommissar Verheugen gibt es nach dem jüngsten Treffen der EU-Außenminister positive Zeichen, dass sich Berlin und Paris bei den Agrarsubventionen einigen: "Es gibt kein einziges Mitgliedsland, das seine Forderungen und Wünsche, die es in diesem Prozess noch gibt, mit einer Veto-Drohung verbindet." Streit um Agrarbeihilfen hätte früher diskutiert werden müssen Christdemokratische und sozialistische Europa-Abgeordnete lobten die EU-Kommission für ihre gute Vorarbeit. Die Kandidatenländer dürften nun nicht enttäuscht werden. Der Fraktionsvorsitzende der Europäischen Volkspartei (EVP), Hans-Gert Pöttering (CDU), rügte den Streit um die Agrarbeihilfen: "Es ist ein großer politischer Fehler, dass diese neuen Bedingungen jetzt auftauchen. Man hätte darüber sehr viel früher reden können." Es wäre tragisch, wenn am Ende die Beitrittsländer die Leidtragenden wären, weil man sich innerhalb der EU nicht geeinigt hat. Warnung vor "Teppichhändler-Geschachere" Die deutsche Grünen-Politikerin Elisabeth Schroedter warnte die europäischen Staats- und Regierungschefs vor einem erneuten "Geschacher wie in einem Teppichhändler-Basar". Die Agrarbeihilfen könnten nicht so weiterlaufen wie bisher. "Der Reformunwille hier stinkt einfach zum Himmel. Und es ist den Bürgerinnen und Bürgern in der Europäischen Union nicht mehr zu vermitteln", kritisierte sie. Stenzel: Offene Fragen nicht aufschieben ÖVP-Europaabgeordnete Ursula Stenzel sagte, sie sehe "nicht allzu hohe Chancen" für einen Durchbruch im Streit um die Finanzierung der Erweiterung beim EU-Gipfel in Brüssel. Die offenen Fragen dürften aber "keinesfalls vollständig bis (zum EU-Gipfel von) Kopenhagen aufgeschoben werden", forderte Stenzel, in Brüssel zumindest eine "Zwischenlösung" zu finden. SPÖ-Europaparlamentarier Hannes Swoboda kritisierte den Sonderrabatt für Großbritannien. Mangelhafter Wissensstand über EU-Erweiterung - Nur Österreich glänzt hierbei In einer neuen Umfrage der EU-Kommission unter 15.000 EU-Bürgern äußerten sich 68 Prozent der Befragten überwiegend positiv zur Erweiterung. Nur 18 Prozent waren "dagegen" oder "eher dagegen". In früheren Meinungstests war die Zustimmung stets geringer, die Ablehnung dagegen größer ausgefallen. Als groß erwies sich erneut die Unwissenheit der EU-Bürger über die Erweiterung: Nur jeder vierte Befragte konnte drei der insgesamt 13 Kandidatenländer nennen. Am größten ist der Wissensstand unter den Österreichern. (APA/dpa/AP)