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Nach der Verhaftung eines Lehrers, der sich jahrelang an Schülerinnen sexuell vergangenen haben soll, können die Mädchen und Buben an der Schule nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen. Sie erhalten psychologische Hilfe.
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St. Pölten - Prüfungen vorbereiten, Aufgaben machen, heimlich SMS unterm Tisch lesen - in der Hauptschule einer Donaugemeinde im Bezirk Melk (NÖ) ist wieder der Schulalltag eingekehrt. Doch den Schülerinnen und Schülern spuken noch viele offene Fragen im Kopf herum. Denn der Herr Fachlehrer, der bis vor einem Monat Mathematik und Maschineschreiben unterrichtete, sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Der 47-Jährige soll in den vergangenen acht Jahren zumindest zwei Dutzend Schülerinnen sexuell genötigt haben - DER STANDARD berichtete.

"Das Bedürfnis der Jugendlichen zu reden, ist enorm", berichtet Elgard Schinko vom Kinderschutzzentrum Amstetten, einer von insgesamt vier Einrichtungen der Gesellschaft "Kidsnest". Die Psychologin kommt seit zwei Wochen regelmäßig in die Schule, um in Gesprächsrunden auf Fragen und Ängste der Teenager einzugehen.

"Das Wichtigste ist, alle ernst zu nehmen", sagt Schinko. In Schulen herrsche oft die Praxis, Probleme von SchülerInnen herunterzuspielen. "Kinder und Jugendliche brauchen mindestens fünf Anläufe, um überhaupt wahrgenommen zu werden." Und wenn es um das Thema sexueller Missbrauch gehe, seien konsultierte LehrerInnen meist schlichtweg überfordert.

Wo Missbrauch beginnt

Bei ihren Gesprächen versucht die Psychologin den Schülerinnen klar zu machen, wo Missbrauch anfängt. "Immer dann, wenn ihr euch denkt, das will ich nicht, sagt es auch", lautet ihre Empfehlung. Die Grenze körperlicher Nähe dürfe nicht überschritten werden. Schinko: "Jede Berührung ist Missbrauch, wenn sie gegen den Willen der Betroffenen geschieht."

Manchmal kämen von Opfern nur vage Andeutungen oder Anspielungen, etwa in Form von Zeichnungen. Aber darauf reagiere die Umwelt nur selten. Und so könne es geschehen, dass Kinder und Jugendliche das Leid "umdeuten" oder ausblenden - so als wäre nie etwas passiert. Das mache es schwieriger, an Opfer heranzukommen.

Kidsnest leistet jährlich mehr als 700 Einsätze und Kriseninterventionen. Das Beratungszentrum in Wiener Neustadt bietet auch kurzfristige stationäre Unterbringungsmöglichkeiten für Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen. (Michael Simoner, DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2002)