Dieses Buch gibt auf eine etwas andere Art Einblick in das private Leben berühmter Persönlichkeiten. Es zeigt sie als verwaiste Eltern.Zum Beispiel Marcus Tullius Cicero, der seine Tochter Tullia im Jahre 45 v. Chr. verlor und ihr einen Tempel errichten wollte, dessen Bau vereitelt wurde; der Tod seiner Tochter bedeutete auch eine Krise im Denken Ciceros. Nie war er philosophisch so produktiv wie in den Monaten nach Tullias Tod. Die lateinische Literatur verdankt dieser "Trauerarbeit" einige ihrer besten Texte, inhaltlich wie stilistisch. Plutarch und Timoxena hingegen relativieren den Verlust der gleichnamigen Tochter, da das Kind jetzt in einem schmerzlosen Zustand weile und nicht entbehre, was es weder gekannt noch besessen habe und weiter: der Kindertod, eine Gnade für die unsterbliche Seele - wer lange lebt, verwickelt sich in "irdische Leidenschaften und Zufälle", das Leben "entfremdet die Seele der Erinnerung an die jenseitigen Dinge ...". Bezeichnend für den hochgebildeten und toleranten Philosophen Plutarch ist auch, dass er Dionysos mit der ägyptischen Gottheit Osiris und mit dem Gott der Juden identifiziert und den gemeinsamen Jenseitsglauben unterstreicht. Stefan Andres, der den Verlust seiner siebenjährigen Tochter Mechthild in einem Gedichtzyklus und einem Roman betrauerte. Arthur Schnitzler und die ohnmächtige Trauer, nachdem seine Tochter in Venedig Selbstmord begeht: "Fort ist sie - mit ihren achtzehn Jahren aus der Welt - dieses himmlische einzige Wesen - nie, nie mehr kommt sie wieder - und aus dieser Tiefe der Verzweiflung gibt es kein hinauf." Schriftsteller wie Dostojewski, Eichendorff, Goethe, Hugo, Else Lasker-Schüler und Storm stehen neben Musikern wie Berlioz, Haydn, Dvorák, Mahler, Schumann, neben Wissenschaftern, Philosophen, Herrschern. Ihre Reaktion reicht von heftiger Revolte - Freud spricht nach dem Tod seiner Tochter Sophie von der "Ungeheuerlichkeit, dass Kinder vor den Eltern sterben, ... man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz finden, ... es ist die einzige Art, die Liebe fortzusetzen". Über den eigenen Tod - Hofmannsthal starb während der Beerdigung seines Sohnes Franz, welcher sich das Leben nahm - bis zu demütiger Unterwerfung unter das Schicksal: Ludwig XIV. nahm den jähen Tod seiner drei Thronfolger als verdiente Strafe Gottes hin. Nur Fjodor Dostojewski entwickelt in seinem Roman Die Brüder Karamasow Hoffnung: "Sagt nicht in Wahrheit unsere Religion, dass wir von den Toten auferstehen und wieder leben und einander alle wiedersehen...?" Der Weg aus der Trauer führt durch die Trauer. Einen Ausweg aus dem Unfassbaren mündete bei vielen schöpferischen Menschen in kathartischen Leistungen: Friedrich Rückert schrieb 446 "Kindertotenlieder", Käthe Kollwitz schuf ihr Hauptwerk Die trauernden Eltern. Guiseppe Verdi schrieb tragische Meisterwerke wie La Traviata, Nabucco oder Aida. Jeder Verlust hat sein eigenes Profil. Die trauernden Betroffenen kommen in Werken wie Gedichten, Briefen und Musikstücken selbst "zu Wort". Ein Personenregister, Literaturhinweise und ein Abbildungsverzeichnis machen dieses reich illustrierte Buch wertvoll für diejenigen, welche sich näher mit den Künstlern befassen wollen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.11.2002)