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Kardinal Schönborn stärkt der Caritas den Rücken: "Sie hat unser volles Vertrauen und arbeitet im Sinne ihres Auftrages."

Foto: APA/ HARALD SCHNEIDER
Standard: Die Caritas läuft derzeit gegen die österreichische Asylpolitik Sturm, die Kirche übt sich dagegen in Zurückhaltung. Sind Sie in Sorge, dass eine Stellungnahme als zu große Einmischung in die Politik gesehen wird? Schönborn: Die Caritas ist für uns Bischöfe die kirchliche Sozialorganisation. Sie hat unser volles Vertrauen und arbeitet im Sinne ihres Auftrages. Nämlich Menschen in jeglicher Notsituation, unbeschadet ihrer Herkunft und ihrer Religion, wo es auch immer nötig ist, zu helfen. S TANDARD: Wie sieht eine christliche Asylpolitik aus? Schönborn: Es gibt europäische und weltweite Standards der Asylpolitik. An denen ist zu messen, wie das Verhalten einzelner Länder ist. Es ist legitim, dass Staaten die Immigration in verantwortungsvollen Maßen begrenzen. Soweit es sich um die Situation von Flüchtlingen und Asylanten handelt, haben die internationalen Standards zu gelten, die die Vereinten Nationen, die Menschenrechtschartas festgelegt haben. S TANDARD: Im Zuge der Asyldiskussion hat die Verleihung eines hohen vatikanischen Ordens an Innenminister Ernst Strasser für Aufregung gesorgt. Schönborn: Das will ich eigentlich nicht kommentieren. Eine solche Ordensverleihung wird ja über Monate vorbereitet. Sie wurde bereits im Juli beschlossen. Da gibt es also wirklich keinen Zusammenhang. S TANDARD: Ab Montag tagen die Bischöfe zu den Ergebnissen der Volkszählung 2001. Demnach hat sich die Zahl der Muslime in Österreich verdoppelt. Wie soll man reagieren? Schönborn: Einerseits gibt es eine starke Immigration von muslimischen Bürgern. Und dann liegt es natürlich auch daran, dass islamische Familien im Allgemeinen mehr Kinder haben als andere. Angesichts der demografischen Entwicklung muss man die Politik fragen, ob die Regierungen der letzten 30 Jahre eine familienfreundliche Politik gefördert haben oder nicht? Ich sage das schon im Blick auf eine künftige, neue Regierung. S TANDARD: Einzelne Bischöfe sprechen schon von einer großen Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam. Schönborn: Natürlich gibt es die, das ist ja kein Geheimnis. In manchen Ländern wird unter dem Namen des Islam eine sehr aggressive und auch minderheitenfeindliche Politik betrieben, die den Christen die Situation einer massiven Verfolgung einbringt. Es nützt aber nichts, ein Schreckgespenst an die Wand zu malen. Es gibt nur den Weg des Dialogs. In Österreich gibt es ein sehr gutes Miteinander aller Religionsgemeinschaften. S TANDARD: Das sehen aber nicht alle Bischöfe so. Schönborn: Wir müssen, sollen und dürfen miteinander leben. Die meisten Muslime und Christen wollen das auch. S TANDARD: Im Gegensatz zu den Muslimen ist die Zahl der Katholiken am sinken. Was wollen die Bischöfe dagegen tun? Schönborn: Es wird stark von uns Christen abhängen, Menschen davon zu überzeugen, dass der Glaube ein sinnvoller Weg ist. Und den können wir in einer pluralistischen Gesellschaft nur anbieten. S TANDARD: Den Abwärtstrend gibt es aber seit 30 Jahren. Schönborn: Trends sind keine Naturgesetze und nicht irreversibel. Es gibt auch Punkte, wo es aufwärts geht. So steigt etwa seit Jahren die Zahl der Kircheneintritte. Das ist, wenn Sie so wollen, ein Gegentrend.(DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2002)