Wien - Die Freiheitlichen können sich in diesem Wahlkampf kaum mehr auf Wähler stützen, die der Partei auf Gedeih und Verderb folgen: Stammwähler hat sie nämlich so gut wie keine. Das ist die übereinstimmende Aussage aller Meinungsforscher - die sich entsprechend schwer tun, die möglichen Wahlchancen der FPÖ einzuschätzen. Peter Ulram von Fessel-GfK, der vor allen Wahlen die Struktur der Parteianhängerschaften untersucht, ist besonders vorsichtig: "Stammwähler, die immer dieselbe Partei wählen, gibt es österreichweit 25 Prozent - und das verteilt sich auf alle Parteien." Allerdings täten sich manche Parteien leichter, andere schwerer mit Wechselwählern: "Der Schritt von der SPÖ zur FPÖ war psychologisch immer ein schwierigerer als der von der ÖVP zur FPÖ - umgekehrt fällt der Schritt zurück auch besonders schwer." Noch dazu seien Rot- Grün und Gusenbauer für bereits untreu gewordene Sozialdemokraten möglicherweise die falsche Ansage. Ein ehemaliger SPÖ-Wähler, der zur Zeit der großen FPÖ-Erfolge zur FPÖ geschwenkt ist, würde diesmal am ehesten bei den Nichtwählern zu finden sein, meint Ulram. Die jetzt verbleibende FPÖ- Wählerschaft werde stark männlich geprägt und eherter sein: "Die Attribute 'jung', 'aktiv', 'spritzig', 'nett', 'anders', die für die FPÖ früher neue, junge Wähler angezogen haben - davon ist doch nicht mehr viel übrig", sagt Ulram. Die Daten, die Meinungsforscher David Pfarrhofer (market) in den letzten sechs Wochen erhoben hat, weisen in eine ähnliche Richtung: Die bekennenden FPÖ-Wähler machen etwa sechs Prozent der Männer, aber nur vier Prozent der Frauen aus. Unter den Pflichtschulabsolventen ist der Anteil der FPÖ-Bekenner dreimal so hoch wie unter Akademikern und Maturanten. Nur zwei Prozent der Hausfrauen, aber acht Prozent der Arbeitslosen sehen ihr Heil in der FPÖ. Allerdings bekennen sich in den market-Umfragen für den Standard (anders als von Ulram beobachtet) besonders die jüngeren Befragten zur FPÖ. Pfarrhofer und Ulram sind sich einig, dass derzeit das Mobilisierungspotenzial der FPÖ eher gering ist: "Die FPÖ hatte immer einen besonders starken Wähleraustausch. Sie hat bei jeder Wahl immer neue Personen mit aktuellen Themen ansprechen müssen", sagt Pfarrhofer. Dazu komme, dass die FPÖ nicht klar zeige, ob sie verantwortungsvolle Regierungspartei sein will (wie das 63 Prozent ihrer bekennenden Anhänger wünschen) oder eher Oppositionspartei (was 32 Prozent ihrer Wähler wollen). (DERSTANDARD, Printausgabe, 4.11.2002)