Berlin - Angesichts der Wirtschaftsflaute ist auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland nach Einschätzung von Experten keine Besserung vor dem nächsten Jahr in Sicht. Für die Wintermonate wird mit neuen Negativrekorden von unbereinigt bis zu 4,5 Millionen Arbeitslosen gerechnet. Wirtschaftsforscher und Volkswirte bei Banken gingen am Dienstag zwar einhellig davon aus, dass die unbereinigte Zahl der Arbeitslosen im Oktober wie für die Jahreszeit üblich leicht auf etwa 3,91 bis 3,92 Millionen zurückgegangen ist. Saisonbereinigt wurde nach einem leichten September-Rückgang um 1000 jedoch wieder mit einer Zunahme gerechnet. Analysten erwarteten im Schnitt einen saisonbereinigten Anstieg um 13.400 Arbeitslose, wobei die Spanne der Schätzungen von plus 3.000 bis 24.000 reichte. Die Bundesanstalt für Arbeit gibt die Zahlen am Donnerstag bekannt. Die Forscher kritisierten auch den Anstieg des Rentenbeitragssatzes als schädlich für mehr Beschäftigung. "Wir rechnen mit einem saisonbereinigten Rückgang nicht vor dem zweiten Vierteljahr 2003", sagte der Arbeitsmarktexperte des Münchner Ifo-Instituts, Wolfgang Meister. Die Aussichten der Weltkonjunktur ließen keine rasche Besserung am Arbeitsmarkt erwarten. Für die Monate Januar und Februar, in denen im Jahresverlauf traditionell die höchsten Arbeitslosenzahlen verzeichnet werden, rechne er mit neuen Höchstständen der unbereinigten Zahlen. "Diese dürften dann bei 4,4 bis 4,5 Millionen Arbeitslosen liegen", sagte Meister. Wie Meister ging auch der Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Andreas Cors, für Oktober von einem leichten Anstieg der um saisonale Effekte bereinigten Zahl aus. "Aus konjunktureller Sicht gibt es keine Trendwende", sagte Cors, der mit einem saisonbereinigten Anstieg um etwa 5000 rechnete. Das DIW, das mit seiner Wachstumsprognose für 2003 von nur 0,9 Prozent das pessimistischste der sechs führenden Konjunkturinstitute ist, erwarte 2003 von der Konjunktur keinen großen Auftrieb für den Arbeitsmarkt. Der Anstoß müsse von Strukturreformen kommen. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) ging von einem Rückgang der unbereinigten Arbeitslosenzahl im Oktober gegenüber September um etwa 27.000 auf 3,915 Millionen aus. Das wäre der tiefste Stand im laufenden Jahr, aber es wären rund 190.000 mehr als im Oktober 2001. IfW-Experte Rainer Schmidt führte die Abnahme im Vergleich zum Vormonat überwiegend auf positive Beschäftigungseffekte durch die Wiederaufbauarbeiten nach der Flutkatastrophe in Ostdeutschland zurück. Im Oktober sinkt die unbereinigte Arbeitslosenzahl in der Regel auf ihr Jahrestief. Auch Banken-Volkswirte zeigten sich pessimistisch. Bernd Weidensteiner von der DZ Bank, der von einem saisonbereinigten Anstieg um 5.000 Erwerbslose ausging, verwies darauf, dass sich der Arbeitsmarkt erst durchgreifend verbessern könne, wenn die Konjunktur angesprungen sei: "Deswegen muss man die Hoffnung auf eine nachhaltige Verbesserung wohl auf nächstes Jahr verschieben." Andreas Scheuerle von der DekaBank erwartete einen Anstieg der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit um 10.000. "Damit ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Wir müssen uns auf weitere negative Nachrichten vom Arbeitsmarkt gefasst machen", sagte Scheuerle. Das Hartz-Konzept sei nicht geeignet, die Arbeitslosigkeit abzubauen. Die Rahmenbedingungen würden nicht so geändert, dass nachhaltig mehr Jobs entstünden. Die Wirtschaftsforscher kritisierten, dass die Regierung mit dem Anstieg des Rentenbeitragssatzes um 0,4 Punkte auf 19,5 Prozent im kommenden Jahr die Lohnnebenkosten weiter nach oben treibe. "Auf jeden Fall ist das ein negatives Signal", sagte Schmidt vom IfW. Auch Meister vom Ifo-Institut warnte vor negativen Folgen für die Beschäftigung: "Eine Verteuerung des Faktors Arbeit wirkt immer gegen mehr Beschäftigung." (APA/Reuters)