Da kann Jörg Haider in diesen Wahlkampftagen noch so sehr den wilden Saddam-Spezi hervorkehren - wenn Volkspartei und Freiheitliche auch nur eine hauchdünne Mehrheit über den 24. November retten, wird die schwarz-blaue Wende fortgesetzt. Diese allgemeine Überzeugung nährt sich nicht nur aus den ständigen Beteuerungen der Protagonisten, solches Gigantenwerk lasse sich ohne mindestens eine zweite Legislaturperiode gar nicht bewältigen, weshalb die erste nicht mehr sein konnte als ein - nun auch noch verkürzter - Anlauf. Selbst in diesen schwierigen Wochen, in denen der von scharfsinnigen Analytikern als Meisterstück durchschaute Pfusch des Bundeskanzlers mit der schlau eingefädelten Zerbröselung seiner Regierung und der genialen Flucht in vorzeitige Neuwahlen offenbar geworden ist, fehlt es nicht an Bekenntnissen zur Fortsetzung der Wende, etwa von Wolfgang Schüssel und Herbert Haupt.

Und da Letzterer annähernd dasselbe Vertrauen des Führers genießen dürfte wie Tarek Aziz das des Seinen (gestern war es jedenfalls noch so), darf man daraus schließen, dass ein wenig poltern bei großen Staatsmännern zum Geschäft gehört, ihrem tiefinnersten Willen zu sachlicher Kooperation aber keinen Abbruch tut. Wenn Haider vorige Woche also abriet, Schüssel wieder als Kanzler zu wählen, darf man das diese Woche nicht auf die Goldwaage legen. Schließlich hat er vorige Woche auch gesagt: "Reichhold bleibt auf jeden Fall Spitzenkandidat."

Nein, aus seinen verstreuten Bemerkungen über den Partner lässt sich vielmehr schon jetzt das Gerüst einer Präambel zum erneuerten Regierungsprogramm von Schwarz-Blau erkennen. So könnte sie aussehen:

1. Als Bundeskanzler verpflichtet sich Wolfgang Schüssel, in den nächsten vier Jahren nie mehr eiskalt zu sein und über Leichen zu gehen, schon gar nicht über die des Kärntner Landeshauptmannes.

2. Er darf auch nicht den Kärntner Landeshauptmann treulos und schwer hintergehen, indem er ohne Skrupel und eiskalt seine persönlichen Interessen verfolgt. Treulose Spieler sollen keinen Erfolg mehr haben.

3. Die ÖVP darf künftig keine geistigen Anleihen bei der FPÖ nehmen, insbesondere darf der Kanzler nie mehr zur Melodie des Volksliedes "Final Countdown" in einen Saal einziehen. Das gilt auch dann, wenn die Liesl Gehrer unter dem Vorwand ihres kulturellen Auftrages die Weise auf der Blockflöte nachzuvollziehen vorgibt.

4. Die ÖVP verpflichtet sich, künftig auch anderes im Sinn zu haben, als die FPÖ zu zerstören, bzw. derselben nicht schon wieder einen Todesstoß versetzen zu wollen. Insbesondere verspricht sie, in der Sozialversicherung nie mehr mit der SPÖ eine brutale Zerstörung der FPÖ zu betreiben, sondern jeden Kärntner in die Position zu bringen, die ihm kraft Entscheidung des Kärntner Landeshauptmannes zusteht.

5. Der Bundeskanzler verpflichtet sich, die geniale außenpolitische Linie des Kärntner Landeshauptmannes zur Sicherung des Friedens im Nahen Osten und heimischer Arbeitsplätze voll, zumindest aber wortlos zu unterstützen und der Außenministerin eins aufs Dach zu geben, sollte sie mit vorlauten Bemerkungen stören.

6. Zur Bekräftigung dieser Präambel verpflichtet sich die Regierung zur Errichtung eines Heldendenkmals in Knittelfeld, zu Ehren der alten Kämpfer, die sie letztlich ermöglicht haben, und zwar aus Steuermitteln. Seine Exzellenz, der Staatschef des Irak, hat sein Erscheinen zur Enthüllung zugesagt.

Der Bundespräsident soll sich schon freuen, der feierlichen Zeremonie der Unterfertigung dieser Präambel beiwohnen zu dürfen, womit der weiteren Arbeit am Meisterstück fast nichts mehr im Wege steht. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.11.2002)