Wer wird Österreich nach dem 24. November regieren? Nach einem Theorem des legendären Politikforschers Robert Axelrod ist das wahrscheinlichste Verhandlungsresultat eine "minimum connected winning coalition", übersetzt: die kleinstmögliche Koalition von politisch benachbarten Parteien, die zusammen eine Mandatsmehrheit erreichen. Theoriegemäß fanden in Deutschland 1998 und 2002 Rot und Grün zueinander, in Österreich im Februar 2000 Schwarz und Blau. Nach Axelrod wäre eine dieser zwei Farbkombinationen auch nach dem 24. November für Österreich zu erwarten. Am meisten Salz in die Suppe der Koalitionsvorhersagen bringt das "minimum"-Kriterium Axelrods. Er postuliert: Wenn eine Partei zwei mögliche Partner hat, mit denen sie jeweils "connected" (politisch benachbart) ist, und eine "winning coalition" (Mandatsmehrheit) zustande bringt, entscheidet sie sich für den kleineren. Warum kommt es in der Politik auf die Größe an? Weil mit dem kleineren Partner schlicht weniger Macht geteilt werden muss. Einem ebenbürtigen Koalitionspartner müssen gleich viele Minister zugestanden werden, den kleineren Partner kann man dagegen mit weniger abspeisen - und der Kanzlerjob bleibt in jedem Fall gesichert. Daher drängen vor allem diejenigen Ministerkandidaten in einer Partei, die keine Fixstarter sind, auf einen kleineren Partner. In so einem Fall lassen sich auch mehr Inhalte durchsetzen als mit einem gleich starken Visavis. Das gefällt wiederum der Parteibasis. Die Ausnahme von Axelrods Regel waren in Österreich die Jahre 1986 bis 1995, als ÖVP und FPÖ ihre Mandatsmehrheit nicht in eine gemeinsame Regierung übersetzten, weil die FPÖ im politischen System Österreichs tabu war. Üblicherweise wird ein Tabu starken Interessen geopfert, sonst "rentiert" sich der Bruch nicht für rational agierende Akteure. Dass Wolfgang Schüssel das FPÖ-Tabu zugunsten einer "minimum connected winning coalition" aufgegeben hat, ist ein Hinweis darauf, dass genau diese Variante die Interessen der ÖVP des Jahres 2000 gut beschreibt. Wird es nach dem 24. November wieder eine Ausnahme von der Axelrod-Regel geben? Peter A. Ulram hat so eine Ausnahme vor kurzem an dieser Stelle vorhergesagt: "Eines wird es nach menschlichem Ermessen jedenfalls nicht geben - eine Koalition zwischen ÖVP und FPÖ", weil niemand wissen könne, welche FPÖ sich nach der zu erwartenden Wahlniederlage herausbilden werde. Ulrams Begründung widerlegt gleich die Behauptung, die sie eigentlich untermauern sollte: Gerade weil niemand weiß, in welchem Zustand die FPÖ nach der Wahl auftritt, sind Verhandlungen zwischen ÖVP und FPÖ aus heutiger Sicht nicht auszuschließen. Sicher, seit dem Sommer hat die FPÖ nicht unbedingt alles dafür unternommen, außerordentlich stabil zu wirken; Wahlkampfthemen wie Osterweiterungs-Vetos werden sich nicht wirklich in Regierungsübereinkommen übersetzen lassen; und ob und wie Jörg Haider nach der Wahl die FPÖ anführt, weiß im Moment vermutlich nicht einmal er selbst. Auf der anderen Seite erhöht der FPÖ-Abwärtstrend in den Umfragen ihre Attraktivität als kleiner Koalitionspartner wieder deutlich - "small is beautiful": Eine stark dazugewinnende ÖVP kann gegenüber einer vom Wähler zurechtgestutzten FPÖ wesentlich mehr durchsetzen als bisher, sowohl inhaltlich als auch beim Poker um Ministerämter. Wolfgang Schüssel wird es sich in so einer Situation nicht leisten können, mit den Freiheitlichen nicht wenigstens ernsthafte Gespräche zu führen, sofern diese noch dazu bereit sind. Denn die Verhandlungen mit der SPÖ bergen ebenfalls ihre Tücken für die ÖVP: Wer bekommt den Kanzler? Steigt die SPÖ auf ÖVP-Vorschläge wie Lohnnebenkostensenkung ein? Wer setzt sich bei Ambulanz- und Studiengebühren, Unfallrentenbesteuerung und Abfangjägern durch? Ein Spaziergang wird das sicher nicht. Und selbst wenn sich Schwarz und Rot einigen können: Eine Koalition mit insgesamt 70 bis 75 Prozent der Mandate erinnert aus Sicht der alten Partner fatal an die frühen 90er-Jahre. Solange Rot und Schwarz das Projekt "große Koalition" nicht völlig neu definieren, werden beide umgehend erneut in der Wählergunst sinken und Wahl für Wahl am linken und rechten Rand quasi ausrinnen - bis zu dem Zeitpunkt, wo einer der beiden wieder bei Axelrod nachliest. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.11.2002)