DJ DSL

Foto: Standard/G-Stone
"Der Optimalfall ist eine Party, bei der ich mich selbst überraschen kann: Wow, was hab' ich jetzt wieder aufgelegt? Super! Das passiert mir nicht oft, weil ich keine feststehenden Sets habe oder mit fixen Übergängen arbeite. Ich übe ja nie. Früher schon: Ich bin aus der Schule nach Hause gekommen, habe mich an die Plattenspieler meines Bruders gestellt und gescratcht. Sechs Stunden lang oder mehr. Ansonsten habe ich mir noch nie im Leben ein Set überlegt. Schon den Begriff finde ich albern." Der frühere Ö3-Musikbox-Moderator Werner Geier ist im Besitz eines Fotos von DJ DSL, das diesen bei einem frühen Einsatz zeigt: Während er aus einer Flache Bier trinkt, eine Zigarette zwischen den Fingern, scratcht er mit der anderen Hand, ohne die Platte, die er unter der Nadel führt, eines Blickes zu würdigen. Diese Momentaufnahme aus dem U 4-Club beschreibt Haltung und Gefühl des 33-jährigen HipHop-DJs besser als jene Superlative, die sonst europaweit für seine Person Verwendung finden. DJ DSL: "Dieses 'Er ist der Beste, der Genialste' schmeichelt mir zwar, andererseits ist es ist auch unangenehm, weil es die Erwartungshaltungen des Publikums erhöht und es ja auch andere gute DJs gibt." Mit Sicherheit ist Stefan Biedermann alias DJ DSL, von dem nun sein Debüt-Longplayer, eine Werkschau mit Arbeiten aus über zehn Jahren, erscheint, der Leiwandeste. Das schlägt sich nicht nur in seinem Namen nieder, der im Laufe der Zeit die Bedeutung "DJ Super Leiwand" bekommen hat, sondern auch in seinem, gegen die üblichen HipHop-Stereotype gerichteten Wesen. Biedermann schaut nicht aus wie ein berufsjugendliches Modeopfer, sondern gleicht dem Slacker von nebenan: "Für mich war das Rundherum um die Musik nie so wichtig. Sicher repräsentiere ich HipHop irgendwie. Schließlich kaufe ich und lege seit meinem 16. Lebensjahr HipHop auf - ohne mich für den theoretischen Überbau allzu sehr zu interessieren. Das war in Europa nie so wichtig. Klar habe ich die verschiedenen Entwicklungen und historischen Wurzeln wahrgenommen, aber für mich war das nie relevant. Die Entscheidung fällt beim Auflegen. Wenn den Leuten der Sound taugt, dann ist es egal, was der Typ über HipHop weiß oder was er anhat. Die Musik wird nicht besser, nur weil ein DJ so ausschaut, wie andere glauben, dass er auszusehen hat. Ich kann nur repräsentieren, was in mir drinnen ist. Einen Stefan-Biedermann-Zustand, in dem HipHop eine gewisse Rolle spielt." Diesen Understatement gewordenen Wesenszug teilt sich der frühere Toni-Polster-Fanclub-Vorsitzende, dem er die Hommage Anton Polster, du bist leiwand ans Kickerwadel produziert hat, mit dem befreundeten Produzenten-Duo Kruder und Dorfmeister. Auf deren Label G-Stone erscheint sein Album DJ DSL #1 . Peter Kruder und Stefan Biedermann kennen sich seit den Tagen der Band Dr. Moreaus Creatures bzw. The Moreaus. Diese versuchte als eine der ersten heimischen Formationen, jene neuen Sounds aus Übersee zu adaptieren, die dabei waren, das Erscheinungsbild der Pop-Kultur zu verändern. Kruder war es nun, der den in Wien Erdberg geborenen "Diesel" überredete, seine Kompilation bei G-Stone und nicht bei einem deutschen Label zu verlegen. Das Ergebnis entspricht Biedermanns Leidenschaft für eine reduzierte Beat-Architektur und einfache Loops. Zwar setzt DSL auch Sprache ein, doch findet diese eher sloganhaft und ohne größeren narrativen Anspruch Einsatz. Im Vergleich zu K & D entschied sich Biedermann nie für ein Star-DJ-Dasein: "Ich hätte mehr in diese Richtung unternehmen können, war aber immer sehr zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Alles was besser bezahlt wurde, war meistens nicht mehr cool. Das bedeutete große Veranstaltungen, viele Leute, Masse statt Klasse. Irgendwann ist es mir auch zu viel geworden. Nicht die Musik, aber der Lebenswandel. Nie vor fünf Uhr morgens ins Bett kommen, kaum das Tageslicht sehen. Da habe ich's dann sein lassen und Zivildienst gemacht." Ein Star der anderen Art ist zu dieser Zeit sein Bruder Klaus geworden: Er ist der Produzent von - festhalten - DJ Ötzi! Seltsam? Aber so steht es geschrieben ... Nach dem Zivildienst in den späteren 90ern schoß Biedermann trotz weitgehender Zurückgezogenheit regelmäßig an die Top-Platzierungen diverser Jahres-Rankings wie dem des deutschen Spex Magazins. Vor dreieinhalb Jahren ist der Vater einer Tochter nach Hamburg gezogen und gilt nun auch in Deutschland als die Größe, die er ist. Trotz diverser Kollaborationen mit deutschen HipHoppern ist Biedermanns Album frei von den geschwätzigen Plattitüden des Deutsch-Hop. Bei DSL dominiert die Liebe: sparsame und positive Lyrics statt aggressiven Forderungen. DSL: "Ich kann nicht anders. Die ersten Versuche beim Produzieren geraten immer düster. Düster geht aber so leicht. Zu leicht. Deshalb werke ich mit der Technik, mit der ich ja immer noch auf Kriegsfuß stehe, so lang herum, bis es positiv klingt. Das ist für mich die größere Kunst. Positiv ist besser!" (DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2002)