Wien/Washington - Völlig unbeeindruckt von der "letzten Chance", die die US-Regierung von George Bush dem Irak in einer neuen UN-Resolution zur Abrüstung geben will, zeigt sich der amerikanische Irak-Experte Kenneth Pollack: Er hält eine "volle Invasion im Irak in nicht zu ferner Zukunft" für unumgänglich. Pollack, momentan bei der Brookings Institution, früher unter anderem bei CIA, National Security Council und Council of Foreign Relations, ist soeben mit einem Buch herausgekommen, das für einen Irak-Krieg zum Zwecke der Beseitigung Saddam Husseins eintritt (The Threatening Storm: The Case for Invading Iraq. Random House). In Wien hatten Journalisten und Experten Gelegenheit, mit ihm über eine von der US-Botschaft zur Verfügung gestellten Videoschaltung nach Washington zu sprechen. Kenneth Pollack ist sozusagen die Verkörperung der Zwickmühle, in der die US- Falken jetzt stecken: Aller Voraussicht nach wird in Kürze das eintreten, was sie gerne vermieden hätten, nämlich dass die UN-Waffeninspektoren in den Irak zurückgehen. Pollack rechnet nach eigenen Angaben mit der scheinbaren Kooperation des Irak - was aber keinesfalls mit einer Abrüstung zu verwechseln sei (denn dass die Inspektoren, wie Pollack erwartet, nichts finden würden, hieße nicht, dass der Irak nichts habe). Und deshalb werden die USA "in ein paar Monaten vor der Wahl stehen". Unter den zitierten Umständen - Inspektoren im Irak, keine sichtbare Obstruktion - werde es jedoch sehr schwierig werden, eine internationale Allianz aufzubauen. Vielleicht werde man deshalb auch so lange warten, "bis Saddam einen Fehler macht und das dann als Anlass benützen". Das "Fenster" für einen Krieg in nächster Zukunft - Experten halten eine Militäroperation nach dem März 2003 für unwahrscheinlich, danach würde man eher wieder bis zum Herbst warten - sieht Pollack trotz der Verzögerung durch die Inspektionen noch nicht geschlossen. Der Vorlauf für eine Militäroperation, die möglichst massiv sein sollte (250.000 Mann oder mehr), sei heute kürzer als beim Golfkrieg 1991, der Aufbau müsse auch nicht abgeschlossen sei, wenn man anfange, und außerdem habe man "zwei Divisionen wert an Ausrüstung" in der Region. Dass Saddam weiter versuchen wird, in den Besitz einer Atombombe zu gelangen, daran hat Pollack nicht den geringsten Zweifel: Der Iraker kalkuliere damit, dass nur sie die USA effektiv von einem Angriff abhalten könne. Darüber hinaus verfolge er sein Projekt der regionalen Hegemonie weiter; sein Agieren sei aber auch von Rachegelüsten gegenüber den USA und Saudi-Arabien - das einen Krieg zum Sturz Saddams in Wahrheit begrüßen würde - geprägt und vom Wunsch der Erfüllung seines "historischen Schicksals" - als derjenige, der Israel besiegen kann. Pollack hielte es für einen schweren Fehler, wenn die USA den Irak nach dem Sturz Saddams "übernehmen" oder den Irakern eine Führung oktroyieren wollten: Das Danach sei UNO-Sache. Die Befürchtungen über einen Zerfall des Irak hält er für "weitgehend übertrieben", die Schiiten wollten gar nicht zu Iran, und die Kurden wüssten, dass ihre Unabhängigkeitsambitionen unrealistisch seien.(Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2002)