Foto: Werdenigg

Bode Miller verliert im ersten Durchgang des Riesentorlaufs nach dem Steilhang einen Skistock. Er fährt in diesem Streckenabschnitt mit nur einem Stock absolute Bestzeit. Ein Wunder? Nicht unbedingt und nicht so dramatische wie in mittelalterlichen Wallfahrtskirchen und modernen charismatischen Heilungsgottesdiensten, wo Krücken zur Seite gestellt werden und Gelähmte erhobenen Hauptes nach Hause gehen. Und doch wunderten sich viele Kommentare über Millers Abschnittsbestzeit, die wegen und nicht trotz Stockverlust bemerkenswert erschien. Doch Millers Fahrt nährt in manchen Kreisen neuerlich die Frage, ob eine Technik ohne Skistöcke ökonomischer sei und dadurch schnellere Zeiten in Alpinskirennen möglich wären? Eine Hypothese beweist allerdings nichts, doch die Behauptung, wonach eine effizientere Fahrweise mit dem Loslassen der Skistöcke zusammenhänge, gewinnt, gerade wegen beharrlichem Festhalten an Skistöcken Brisanz.

Skistöcke wurden von nordischen Jägern, Sammlern und Kriegern schon vor rund 4500 Jahren als Wanderstäbe und Waffen benutzt. Als sich Skis Ende 19tes Jahrhundert auch in unseren Breiten als Sportgeräte etablierten, existierten weder präparierte Pisten noch technische Aufstiegshilfen. Darauf zielten alle Lehrpläne, ob sie einen Stock oder Doppelstöcke empfahlen. Später entdeckte man die Möglichkeit den Stock als Drehpunkt auf steilen Hängen zu nutzen. In der Renntechnik der Fünfziger-Jahre wurde Rotation durch einen kraftvollen und einseitigen Stockeinsatz unterbunden. Damit fand man eine effiziente Technik für schnellere Laufzeiten und gegen Schienbeindrehbrüche, dem damaligen Materialstatus mit Skilängen weit über zwei Meter entsprechend. Mit dem Schritt der Skientwicklung in die Carvingtechnologie verschwindet der Stockeinsatz auch aus den Lehrplänen traditioneller Institutionen. Taillierung, Flex und stark verkürzte Längen machen moderne Skis auf perfekt präparierten Pisten so „benutzerfreundlich“, dass immer mehr „bipedale Carver“ mit einem Seitenblick auf die Kollegen am Board, die Stöcke sogar ganz loslassen und endgültig dem „Freistil Skifahren“ verfallen. Doch das Gros der Skifahrer, dazu gehören auch Rennläufer, hält immer noch wie die Vorfahren an Stöcken im „Jagdstil fest“.

Die Hypothese

Für den modernen alpinen Skirennlauf sind Skistöcke nicht mehr zweckmäßig. Der Tonus der 40teiligen Handmuskulatur bewegt allein in diesem Bereich 27 Knochen. Greifen, Bewegen, Festhalten, Loslassen und Fühlen zeigen messbare Auswirkungen in alle Körperregionen, da Bewegung immer das einheitliche Wirken des Organismus in seiner Ganzheit widerspiegelt. Jedes Körperteil schließt sich mit allen anderen zu einem Gestaltkreis zusammen. Dabei verändert jede noch so unscheinbare Bewegung den Muskeltonus stets im Ganzen. Die Vorteile von „freihändigem Rennlauf“ liegen also einerseits „auf der Hand“, andererseits auch im mentalen Bereich. Mit dem ersten Gedanken an eine Bewegung, ja bevor man sich ihrer überhaupt bewusst ist, baut der Körper seine komplexe Konfiguration auf. Ob in diese Konfiguration Skistöcke miteingebunden werden, macht auch aus biomechanischer Sicht großen Unterschied. Die Bewegungsfreiheit von Schultern, Armen und Händen ist „stocklos“ um ein vielfaches größer als stockgebunden. Die vielzitierten Vorteile für die Unterstützung der Körperbalance durch Stöcke lassen sich durch gesteigertes Training des Gleichgewichtssinns ausgleichen. Dazu können neben Snowboardern, Skatern, Wellenreitern und Eisläufern, die in ihren Sportarten keine Stöcke verwenden, auch moderne Hochseilakrobaten beobachtet werden, die ihre Auftritte gerade wegen fehlender Balancestangen eine spektakuläre Note verleihen.

Vielleicht verhält sich die Ökonomie der Bewegung auf Skis ähnlich wie manche Bereiche von Wirtschaft, Kunst und Medizin, wo weg- oder loslassen vom Einen zu Gewinn oder Entdeckung von Anderem führt? Start frei zur Diskussion – mit oder ohne Stöcke und wer im Zwiespalt ist, kann sie nach dem "Antauchen" einfach fallen lassen!

NACHLESE

--> Das Kriterium des ersten Schnees