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Foto: APA/ AFPI/Orlando Sierra
Wien - Die Bischöfe Guatemalas fordern die Regierung des zentralamerikanischen Landes auf, den "nationalen Notstand" auszurufen. Wegen des Verfalls der Kaffeepreise wurden 100.000 arbeitslos gewordene Landarbeiter und ihre Familien von den Eigentümern der Plantagen vertrieben, "obwohl sie dort seit mehreren Generationen gelebt haben", berichtete Monsenor Alvaro Ramazzini am Wochenende in Wien.

Der 55-jährige Ramazzini ist Diözesanbischof von San Marcos im westlichen Hochland Guatemalas und leitet die kirchlichen Projekte zur Landreform. Sechs Jahre nach dem Beginn des Friedensprozesses, der die tiefen, in 36 Bürgerkriegsjahren entstandenen Risse im sozialen Gefüge Guatemalas überwinden sollte, hat sich die Lage dramatisch verschlechtert.

Gewalt jeglicher Art nahm enorm zu - von Jugend- und Drogenbanden bis zu den wiedererstandenen Todesschwadronen. Und auch die früher in Notzeiten offen stehende Alternative - die illegale Migration in die Vereinigten Staaten - ist laut Ramazzini wegen der seit dem 11. September 2001 besser bewachten Grenzen weit gehend versperrt.

In ihrer Not seien Gruppen von Landarbeitern dazu übergegangen, von den Großgrundbesitzern verlassene, mit Bankkrediten überschuldete Fincas zu besetzen. Erst in der vergangenen Woche haben 300 Polizisten in Kampfausrüstung rund 3000 Bauern von besetztem Land in der Region von El Palmar im Südosten des Landes vertrieben.

Ungerechte Verteilung

Die ungerechte Landverteilung - den drei Prozent der Superreichen gehören immer noch 80 Prozent des Landes, die Landarbeiter erhalten pro Tag umgerechnet rund einen Euro Lohn - gilt auch der katholischen Kirche als Wurzel aller Probleme. Schon im Jahr 1988 unterstützte sie in einem Hirtenbrief den "Schrei nach Land".

Bischof Ramazzini hat die Landbevölkerung bei Konflikten mit lokalen Großgrundbesitzern unterstützt und darüber hinaus Vorschläge für die in den Friedensvereinbarungen geforderte, aber nur schleppend umgesetzte Landverteilung unterbreitet.

Man müsse die Landfrage "ethisch, nicht nur juridisch betrachten", sagte Ramazzini zum STANDARD. Das Recht auf Leben müsse über dem Recht einer Bank stehen, Landbesetzer vom Gelände einer pleite gegangenen und brachliegenden Farm zu vertreiben.

Solche Fincas sollten den Bauerngemeinschaften gegen Ablöse der Hypotheken, nicht aber für einen fiktiven, ein Vielfaches ausmachenden Marktpreis verkauft werden. Nur dann könnten die Mittel des mit ausländischen Hilfsgeldern gefüllten "Landfonds" effizient genützt werden. Mit solchen Ideen hat sich Ramazzini die Feindschaft "ultrakapitalistischer" Großgrundbesitzer zugezogen. Trotz anonymer Morddrohungen macht er weiter; in der "internationalen Publizität" sieht er einen gewissen Schutz.

Für das Ausland gibt sich Guatemalas Regierung, auch im Bereich der Menschenrechte, durchaus reformfreudig. So kündigte Präsident Alfonso Portillo anlässlich des Papstbesuches Ende Juli die Abschaffung der Todesstrafe an. Parlamentspräsident (und Exdiktator) Efrain Rios Montt, der eigentliche starke Mann, machte dies nachher von der Abhaltung eines Referendums abhängig. Dessen Ausgang sei durchaus unsicher, meint Ramazzini, da man Menschenrechtlern vorwerfe, sie wollten "die Kriminellen laufen lassen".

Zeugen im Ausland

Dafür sorgt schon in Justiz selbst: Im Fall des 1998 ermordeten Bischofs Juan Gerardi wurden die Urteile - lange Haftstrafen für vier mutmaßliche Täter, darunter ein früherer Geheimdienstchef, aber auch ein Priester - vom Berufungsgericht wegen Verfahrensfehlern aufgehoben. Bischof Ramazzini glaubt nicht, dass es noch einmal zu einem Urteil kommen wird, weil wichtige Zeugen "längst im Ausland sind".

Ramazzini, der in Wien mit den Verantwortlichen für österreichische Entwicklungsprojekte ("Horizont 3000") sprach, trat dafür ein, dass die internationale Hilfe für Guatemala mit den Forderungen nach einer echten Umsetzung der Friedensvereinbarungen verbunden werden sollte. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2002)