Musste man eigentlich, wie letzte Woche geschehen, einen Mann wie den ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma zu einem offiziellen Besuch nach Österreich einladen? Dieser Herr steht einem autoritären Regime vor und steht unter dem dringenden Verdacht, den Befehl zur Ermordung eines kritischen Journalisten gegeben zu haben. Der österreichische Gastgeber rechtfertigte die Kutschma-Einladung mit dem Argument, Österreich befürworte den Weg der Ukraine nach Europa. Und außerdem gibt es natürlich wirtschaftliche Kontakte zu dem 52-Millionen-Einwohner-Markt.

Das sind die gleichen Beweggründe, wie sie von Österreich seit Jahr und Tag vorgebracht werden, wenn es gilt, freundliche Beziehungen zu Diktaturen der Öffentlichkeit plausibel zu machen. Befürworter nennen das kluge Politik, Kritiker Opportunismus.

Als die kommunistischen Regime in Osteuropa noch intakt waren, musste man sich als Auslandskorrespondentin oft zu Tode genieren, wenn offizielle österreichische Gäste sich frischfröhlich mit den Machthabern verbrüderten und in der Regel Dissidenten mieden wie der Teufel das Weihwasser - nur um später mit anzusehen, wie diese nach der Wende an der Spitze ihrer Staaten standen und das Verhalten der Österreicher nicht vergessen hatten. Dann musste das Anbiederungsspiel von neuem beginnen.

Gibt es eine Alternative? Eine oft heuchlerische Gutmenschen-Außenpolitik, die nach US-Manier die Welt in Freundes- und Schurkenstaaten aufteilt, kann es wohl nicht sein. Natürlich muss ein Land wie Österreich korrekte Beziehungen mit bestehenden Regierungen, demokratischen wie nicht demokratischen, aufrecht erhalten. Und natürlich darf man nicht nur mit untadeligen Demokratien Geschäfte machen. Aber hier wie anderswo gilt die Maxime: Der Ton macht die Musik.

Wie es auch geht, habe ich im Vorjahr bei einer Reise nach Weißrussland mit der österreichischen Caritas erlebt. Wir besuchten dort den deutschen Botschafter, der in jenem Land auch die österreichischen Agenden betreut. Auch in Weißrussland besteht ein autoritäres Regime. Deutsche Firmen sind dort erfolgreich tätig, aber der deutsche Botschafter hat es sich zum Prinzip gemacht, bei jedem Dissidentenprozess im offiziellen Dienstmercedes mit Standarte vorzufahren und sich demonstrativ in die erste Reihe zu setzen. Seine Maxime: diplomatische Beziehungen ja, Anbiederung nein. Präsent sein, aber deutlich zeigen, wo die Sympathien liegen.

Ein so klares Reglement für den Umgang mit Antidemokraten, sagen österreichische Diplomaten, gibt es bei uns nicht. Als Jörg Haider Saddam Hussein besuchte, gab FPÖ-Chef Haupt dafür die groteske Begründung, Haider habe damit österreichische Arbeitsplätze schaffen und das irakische Regime "von innen aufbrechen" wollen. Er habe somit im Einklang mit der österreichischen Tradition gehandelt.

Leonid Kutschma ist nicht Saddam Hussein. Aber auf einem Tonband ist seine Äußerung festgehalten, der Journalist Gonadse müsse "erledigt" werden. In der Hofburg war seit Jahr und Tag kein Staatschef aus einem demokratischen westlichen Land zu Besuch. Das Bild Österreichs im Ausland ist, gelinde gesagt, nicht ohne Makel. Wir haben allen Grund, in Sachen Besuchsdiplomatie sensibel zu sein. Dass ein Mann wie der ukrainische Staatschef als Freund empfangen wird und am Tisch des Bundespräsidenten tafelt, erfüllt einen mit Unbehagen. Diese Einladung war entbehrlich.

(DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2002)