Herbert Haupt hat es zumindest probiert: In der Fernsehpressestunde hat er erklärt, dass die Selbstbehalte im Gesundheitssystem in ein einheitliches System gebracht werden müssten. Ambulanzgebühren sind dabei ein Aspekt - mehr Kassenverträge für Fachärzte, speziell im ländlichen Raum, wären ein anderer (für den die Regierung allerdings derzeit nicht zuständig ist).

Es wäre wert, an dieser Stelle weiterzudiskutieren. Ist aber nicht drin. Wäre vielleicht zu kompliziert.

Also ist die Fernsehdiskussion rasch wieder an die leicht überblickbare Oberfläche gekommen. Nicht zum ersten Mal: Auch die TV-Konfrontationen der letzten beiden Wochen haben gezeigt, dass Sachthemen nicht wirklich hängen bleiben. Vergeblich hat Alexander Van der Bellen am Donnerstagabend versucht, die Situation an den Hochschulen zum Thema zu machen - offenbar hat ihm dabei nicht einmal sein Gegenüber Alfred Gusenbauer richtig zugehört, denn der SPÖ-Chef sprang in seiner Replik sofort von den Sorgen der Unis zu denen der Lehrlinge.

Hat ja auch alles irgendwie mit Bildung zu tun.

Aber eine Bildungsdiskussion, die diesen Namen verdienen würde, wird ja genauso wenig geführt wie eine Diskussion über das Gesundheitswesen. Oder über die Pensionen. Oder über Sicherheitspolitik in Österreich und Europa.

Und wenn sie doch versucht wird, kommt unvermeidlich das Urteil der professionellen Beobachter: "Fad war's!"

Das ist charakteristisch für diesen Wahlkampf: Er wird von denen, die ihn führen, ebenso wie von den Wahlberechtigten als besonders spannend empfunden - eben weil er weitestgehend inhaltsleer ist. Dabei gilt als interessant und spannend, ob sich Rot-Grün ausgeht, ob Schwarz-Blau abgewählt werden kann, ob die FPÖ auf den dritten oder vierten Platz zurückfällt, wer vielleicht noch den einen oder anderen Überraschungskandidaten für ein Superministerium präsentieren kann.

Was so ein Superminister dann eigentlich machen würde; welche Veränderungen durch Rot-Grün (je nach Standpunkt) winken oder dräuen; welchen Kurs Schwarz-Blau mit neuer Mannschaft überhaupt steuern könnte oder auch nur steuern möchte - das alles erscheint als nicht so wichtig. Josef Broukal, der sich als roter Technologieminister empfiehlt, bringt als Programm gerade so viel mit: "Mit allen Playern in Sachen Innovation reden. Einen gemeinsamen Konsens herstellen. Schnell zu überprüfbaren Zielen kommen. Erhöhung der Forscherquote." Ganz brav - wer könnte dem widersprechen? Eben. Rot-Grün wird von den meisten Österreichern (ob zu Recht oder zu Unrecht) gerade noch mit Haschisch aus der Trafik und höheren Benzinpreisen assoziiert. Gibt's da nichts Substanzielleres? Nein, nichts, was in 30 Sekunden erklärbar wäre.

Und Schwarz-Blau? Das kennt man wenigstens. Auch wenn es kaum jemand liebt. Das erklärt das seltsame Phänomen, dass sich die Österreicher in Umfragen für eine Fortsetzung des bisherigen Kurses aussprechen. Das Nulldefizit hat uns alle viel gekostet - also will man wenigstens das zweifelhafte Symbol bewahren, wenn man schon sonst nichts davon hat.

Dieselbe Schicksalsergebenheit spricht aus der klaren Zustimmung zu Wolfgang Schüssels Kanzlerschaft: An Schüssel hat man sich halt gewöhnt. Änderungen sind an sich nicht populär. Und - hier spielen tief sitzende psychologische Effekte mit - schon gar nicht in der kalten Jahreszeit (was seinerzeit, bei der Dezemberwahl 1995, Franz Vranitzky begünstigt hat).

Natürlich weiß man auch von Schüssel und seiner ÖVP nicht so genau, für welche Themen sie wirklich stehen; die große Erklärung, wohin sie das Land in vier Jahren geführt haben wollen, steht aus. Und doch wird der ÖVP in Umfragen zugetraut, die besten Personen und die richtigen Themen anzubieten. Offenbar will es - Bekundungen zum Trotz - keiner so genau wissen.(DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2002)