Die Muße, die sich das irakische Regime zu nehmen schien, um die am Freitag verabschiedete UNO-Sicherheitsratsresolution 1441 zu "studieren", kann man sich getrost als hektische Aktivität vorstellen: Im besten Fall arbeitet Bagdad bereits an der Erstellung der innerhalb von dreißig Tagen abzuliefernden "accurate, full and complete declaration", einer erschöpfenden Erklärung seiner Waffenprogramme und zivilen ABC-Aktivitäten. Wenn sie denn erschöpfend sein wird . . .

Zeit, sich das zu überlegen, hat Bagdad bereits vor Freitag gehabt: Zuletzt ging es im Sicherheitsrat ja nur mehr um Details, die entscheidend dafür waren, dass Frankreich, Russland und China sich nicht nur der Stimme enthielten (womit die Resolution auch durchgegangen wäre), sondern dafür stimmten.

In diesem Licht ist auch die im ersten Moment überraschende Ja-Stimme des nicht ständigen Sicherheitsratsmitglieds ohne Vetorecht Syrien zu sehen: Die von der arabischen Straße laut kritisierte Entscheidung - die Kommentatoren von Al-Jazeera liefen beinahe Amok - ist ein gutes Stück Realpolitik. Hätte Damaskus anders gehandelt, so hätte es sogar Bagdad, dessen Zustimmung ja als sicher gilt, rechts überholt: keine gesunde Position in Zeiten des US-Kampfs gegen das Böse. Ist doch auch noch die Möglichkeit einzukalkulieren, dass der Irak-Krieg trotz der jetzigen "letzten Chance" noch kommt und Saddam fällt: Dann wäre Assad, hätte er sich im Sicherheitsrat verweigert, als dessen offensichtlich einziger Freund - die anderen Araber mussten ja nicht im Rat Farbe bekennen - übrig geblieben.

Was aber damit auch wieder einmal bewiesen ist: Aller wilden Rhetorik beider Seiten zum Trotz kann Washington heute auf eine, wenn auch von Angst diktierte, Kooperation der so genannten "Schurken" zählen. Auch Iran macht ja hinter den Kulissen mit und liefert brav mutmaßliche Al-Qa'ida-Mitglieder an Saudi-Arabien aus, wo die CIA auf sie wartet.

(DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2002)