Wien - Ein Preis für "Toleranz in Denken und Handeln" an Ilse Aichinger sollte Anlass geben, sprachkritisch über das Wort "Toleranz" nachzudenken. Der Gegenbegriff "Intoleranz" ist genauer zu bestimmen und wurde gegenüber der jüdischen Familie der 1921 in Wien geborenen Ilse Aichinger von der Verhöhnung der Zwillingsschwestern Ilse und Helga in den 20er-Jahren bis zur Erschießung nächster Angehöriger in Minsk 1942 ausgelebt: "Ich gewöhnte mich daran, jederzeit erschießbar zu sein", notierte Imre Kertész einmal und betonte damit, dass die Gefahr in den Jahrzehnten seither nicht kleiner, nur subtiler geworden ist (und etwa in Ausländerfeindlichkeit wieder auftaucht).

"Toleranz" kann in solchen "Augenblicken der Gefahr" (Benjamin) nicht einfach passives Gewährenlassen sein, sondern verlangt - das forderte schon Aichingers frühe Gewalt-Geschichte Wiens, der Roman Die größere Hoffnung (1948) - aktives Eingreifen.

"Ich selbst", meinte Ilse Aichinger einmal, "bin nicht tolerant. Ich will, dass nicht zugeschaut wird." So lässt sich auch ihr letztes, autobiografisches Buch, Film und Verhängnis (2001), als eine Fallsammlung lesen, eine Klärung der wienerischen Abstufungen von Toleranz zu Intoleranz: Fälle, kreisend um die Frage, was Gewalt ist und was Widerstand dagegen.

Seit dem Herbst 2000 notiert Ilse Aichinger wöchentlich im STANDARD, jeweils am Freitag, solche Fälle alltäglichen Schreckens, Geschichtsfilme. Preiswürdig. (rire/DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2002)