Wien - Dass man sich erst in diesem Jahr dazu aufraffte, den mittlerweile 63-jährigen Schweizer Komponisten, Oboisten und Dirigenten Heinz Holliger zu einer der zentralen Gestalten des Wien-Modern-Festivals zu machen, mag an dem hohen Grad liegen, in dem sein in den Randbezirken geistiger Existenz angesiedeltes Schaffen ihn selbst der Geschäftigkeit des Musikbetriebes entrückt.

Am Sonntag jedenfalls war Wien Modern anders. Da ist das traditionsreiche SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg nebst dem SWR-Vokalensemble Stuttgart auf dem Konzerthaus-Podium angerückt und hat unter Holligers Leitung zwei seiner wesentlichsten Werke auf die Trommelfelle der Zuhörer gewuchtet.

Und dies so intensiv, dass einige von ihnen das Weite suchten. Wohl nicht wissend, dass auch Holliger in seinem Schaffen eigentlich dasselbe sucht. In seinem fast einstündigen Violinkonzert Hommage à Louis Soutter tastet sich Holliger vor in die verschlungene Gedankenwelt dieses malenden und musizierenden Schweizer Vaganten (1871-1942), der in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten als Altersheiminsasse ein immenses bildnerisches Werk hinterließ.

Die Klänge, die Holliger aufspürt und freisetzt, könnte man als implodierende Affekte bezeichnen, als unterdrückte und schließlich verhallende Schreie einer geknebelten Existenz. Thomas Zehetmair hat diese als Solist, stets von wispernden Orchesterstimmen umgeben, beinah behindert, auf zwingende Weise artikuliert.

"Gesänge der Frühe"

Freilich hätte man der Wiedergabe etwas von dem emotionalen Brio gewünscht, das Chor und Orchester bei der Wiedergabe des zweiten Werkes, der Gesänge der Frühe, entwickelten.

Hier wird Robert Schumanns Verdämmern in der Irrenanstalt von Endenich mit Friedrich Hölderlins späten, poetischen Scardanelli-Rasereien zu einem nicht abebbenden und sich stetig steigernden Klangflimmern collagiert. Durch Schumanns in der Anstalt entstandene Hölderlin-Vertonungen sowie Tonbandeinspielungen aus seiner Krankengeschichte und dem Protokoll seiner Sektion erhält dieses verwirrende Klanglabyrinth seine assoziativen Wegweiser.

Überflüssigerweise wurde das Konzert von Thomas Zehetmair mit Isayes Sonate-Ballade eröffnet. Robert Schumanns später Klavierzyklus Gesänge der Frühe hätte da, allerdings in einer intensiveren Wiedergabe als durch Christoph Berner, schon mehr Funktion gehabt. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2002)