Florian Horwath und Michelle Grinser alias "Grom" Dienstag live im Wiener "Flex".

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Das deutsch-österreichische Autoren-Techno-Duo "Grom" präsentiert heute, Dienstag, sein Debütalbum "Sadness Sells" live im Wiener "Flex". Zwischen harten Beats, Akustikgitarre und melancholischem Gesang ist alles möglich.

Wien - Die digitale Musik der 90er-Jahre entspannte sich nach der Radikalzäsur von Techno nicht nur Richtung harmonische Sounds, sondern akzeptierte auch bald wieder den anfangs stark zurückgenommen Band- oder Stargedanken. Die kraftwerksche Vision der Menschmaschine war zwar eine Zeit lang so "greifbar" wie nie zuvor. Das Verlangen des Publikums machte es jedoch auf Dauer unmöglich, nur das Werk und nicht seine Schöpfer zu präsentieren. Vom Bedürfnis nach Zuspruch und Zuneigung einmal ganz abgesehen. Als taugliches Konsensmodell in dieser Situation entpuppte sich etwas, das bereits in den 80ern funktionierte, eine Mischung aus Euphorie und Apathie. Bands wie Depeche Mode oder die Pet Shop Boys entsprachen diesem Zeitgeist aufgrund der Aufgabenverteilung innerhalb der Band: Während der Sänger als Kommunikator zum Publikum fungierte, arbeitete der Rest im Hintergrund stoisch an den Maschinen.

Die immer häufiger werdenden Zugriffe auf dieses Techno-Pop-Modell charakterisieren auch die letzten Jahre. Grom, ein deutsch-österreichisches Duo, schlägt auf seinem Debütalbum Sadness Sells ebenfalls diesen Weg ein. Zu formal eher streng monotonen Bassläufen, verlorenen Beats und schlichten Melodien wird mit emotionslosem Gesang über die Härten des Daseins berichtet: Sehnsucht nach Geborgenheit, verlorene Liebe, das ganze Programm.

Das Alltagselend hält Einzug in die Hedonismustempel und beweist, dass auch Spaß und Vergnügen nur unter den richtigen Rahmenbedingungen funktionieren.

Der frühere FM4-Redakteur Florian Horwath und Michelle Grinser verkünden damit nichts Neues. Sie verkörpern vielmehr in einem anderen musikalischen Outfit einen Typus, der, wäre er mit Gitarren behängt und deutschsprachig, wohl in der Nähe der Hamburger Band Tocotronic festzumachen ist. Grinser, der früher bei Dakar & Grinser eine Art Electro-Punk unter besonderer Berücksichtigung von Munich Disco (Amanda Lear!) produzierte, nimmt sich bei Grom stark zurück.

Der angesichts der Inhalte zu erwartende aggressive Moment fehlt Grom jedoch. Ebenso der Glamour, den ihr CD-Cover verspricht. Ihre eher introspektiv entworfenen Songs klingen vielmehr nach der Einsicht, es mit unabwendbaren Problemstellungen zu tun zu haben. Immer weiter weichen Grom zurück, eine Akustikgitarre taucht auf, und am Ende interpretiert man schließlich und gänzlich akustisch - das paranoide Stranger In Our Town von The Gun Club. Der Hedonismus hat an dieser Stelle bereits Selbstmord begangen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2002)