Berlin - "Das soll dem Mann erst einmal jemand nachmachen: Er ist der schlechteste Finanzminister, den die Republik seit langem hatte, und dennoch der populärste Politiker", schreibt am Donnerstag die Berliner "tageszeitung" (taz) zu dem Angebot von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel an Finanzminister Karl-Heinz Grasser, einem künftigen ÖVP-Regierungsteam als Unabhängiger anzugehören. "Er hat die Abgabenquote in astronomische Hoehen getrieben (die Österreicher zahlen, addiert man alles zusammen, neun Prozent mehr an Steuern und Gebühren als die Deutschen) mit dem Versprechen, die Staatsfinanzen zu sanieren - und steht nun doch mit einem prognostizierten Budgetdefizit von rund zwei Prozent für 2003 und einer abgewürgten Konjunktur da", heißt es in dem Kommentar mit dem Titel "Grasser gehts nimmer". "Der politische Ziehsohn Jörg Haiders ist einfach ein begnadeter Selbstvermarkter. Er ist fesch, eloquent und frei von karrierehemmenden Prinzipien. Darum hatte er sich regelmäßig von seinem Förderer Haider abgesetzt, wenn allzu große Nähe zu seinem Entdecker seinen persönlichen Zukunftsaussichten abträglich geworden wäre. (...) Jetzt hat ihn dieser Sinn für den wechselseitigen symbiotischen Eigennutz mit Wolfgang Schüssel verbunden." "Schüssel hofft, durch diesen Coup im Wahlkampffinale jenes Momentum zu gewinnen, das er noch braucht, um doch noch mit seiner ÖVP an der SPÖ vorbeizuziehen. Und Grasser kann hoffen, mit seinem spektakulären Seitenwechsel den Ludergeruch der Haider-FPÖ endgültig loszuwerden. (...) Schön für beide, auch wenn bei Licht besehen kaum eine Koalitionsvariante denkbar ist, in der Grasser tatsächlich Kassenwart bleibt." "Wird der Wahlkampfcoup aufgehen? Schwer zu sagen. Sicher ist, dass Schüssel damit den rasanten Schrumpfungsprozess der Freiheitlichen beschleunigt und FPÖ-Wähler zur ÖVP locken kann - was die Aussichten, eine rot-grüne Mehrheit zu verhindern, aber nicht allzu stark verbessert. Zudem ist sogar möglich, dass der Schuss nach hinten losgeht. Denn Grasser ist populär, weil er bei den Freiheitlichen das wohltönende Kontrastprogramm zum Haiderschen Rabaukenkurs bot. Der allzu spektakuläre Sprung vom sinkenden FPÖ-Schiff ins Rettungsboot der Kanzlerpartei könnte Grassers Charakterschwächen freilich selbst dem bewusstlosesten Bewunderer des smarten Kärntner Jungpolitikers sehr deutlich machen." In einem "Konglomerat aus Seifenoper und Prominentenzirkus, aus Spiegelfechtereien und gähnender sachpolitischer Leere" laufe Bundeskanzler Wolfgang Schüssel als Amtsinhaber im Nationalratswahlkampf "naturgemäß zur Höchstform auf", schreibt am Donnerstag die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). "Schüssel ist der Größte, wenn es um Pose und Verpackung geht. 'Wer, wenn nicht er' heißt es auf seinen Plakaten, und er setzt auf nichts als den Kanzlerbonus und die Warnung vor der 'rot-grünen Gefahr'. 'Schauen Sie nur nach Deutschland', schnurrt er genießerisch bei jeder Gelegenheit." "Schüssel ist ein Meister der geschmeidigen Meinungsänderung. Er verlangte Neuwahlen, weil ihm die Fortführung des Koalitionsabkommens nicht gesichert schien. Doch nach den Wahlen möchte er herzlich gern wieder mit derselben labilen FPÖ koalieren: Weil nur sie ihm die Kanzlerschaft garantiert. Sein bemerkenswertester Schachzug war, den bisherigen freiheitlichen Finanzminister Karl-Heinz Grasser einzuladen, als parteifreier Minister in einer ÖVP-Regierung mitzuarbeiten. Das tut er, weil der Vierunddreißigjährige, trotz unpopulärer und missglückter Sparmaßnahmen, äußerst beliebt ist, des Österreichers liebster Schwiegersohn. Ein junges, hübsches Gesicht, das in diesem geistlosen Wahlkampf punkten soll." "Es ist nichts als ein Wahlmanöver, das man als Betrug nur deshalb nicht bezeichnen kann, weil die Täuschung so offensichtlich ist: Grasser, der in der FPÖ als 'Verräter' gilt und von Haider bei jeder Gelegenheit wüst beschimpft wird, kann logisch nie mehr Finanzminister werden. Das Erschütternde daran ist, dass das niemand zu bemerken scheint, dass die Aufregung um Schüssels Angebot und Grassers Einwilligung allein genügt, um seit Tagen die Medien zu dominieren..." "Wer einen klaren Richtungswahlkampf zwischen Rot-Grün und Schwarz-Blau erwartet hat, fühlt sich nun so angeschmiert wie ein Kind, das soeben den Schwindel mit dem Weihnachtsmann entdeckt hat. (...) Es geht um nichts, nur um den Sieger." "Ein Wahlkampf wie in Deutschland, mit all den erbitterten Debatten um Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Irak-Krise und Zuwanderung wirkt wie die echte, saftige Welt, staunend beobachtet vom friedlich-sicheren Planeten Legoland. Hier in Legoland, wo Politik traditionell eher auf dem spielerischen Parkett der Kultur ausagiert wird, wo sich auch der Bürger und Wähler wie im Theater verhält, als hätte er nämlich bloß zwischen Buhrufen und Applaus die Wahl, verschiebt sich die Auseinandersetzung nun immer weiter ins Unpolitische, in Richtung Seifenoper und Fernsehshow". (APA)