Wien - Barbara Zachner will es endlich wissen. Wen soll sie am 24. November wählen? Die SPÖ? Die ÖVP, die Grünen oder doch die Blauen? Auf der Suche nach Entscheidungshilfen findet sie in ihrer Lieblingszeitung ein interessantes Angebot: Unentschlossene Wähler und Wählerinnen könnten sich doch direkt an die Parteichefs wenden - per E-Mail.

Barbara Zachner - die Parteien mögen dem STANDARD verzeihen, er hat sich den Namen ausgeliehen - setzte sich an ihren Computer und nahm mit den Chefs von SPÖ, ÖVP, FPÖ und Grünen Kontakt auf. Und da erlebte sie einige Überraschungen. Frau Zachner (DER STANDARD) wollte etwa von alfred.gusenbauer@spoe.at eine Antwort auf folgende Frage: "Ich verstehe nicht, warum Sie nicht klar sagen, dass Sie mit den Grünen eine Koalition eingehen?" In der SPÖ reagierte man prompt. Schon sieben Stunden später kam die Rückmeldung von Andreas Rendl vom Büro Alfred Gusenbauers. "Für die SPÖ geht es in erster Linie darum, der unsozialen und ungerechten Politik der schwarz-blauen Regierung eine klare Abfuhr zu erteilen." Dabei seien alle anderen Konstruktionen - mit Ausnahme FPÖ - aus "strategischen und demokratiepolitisch Gründen offen". Immerhin: Die SPÖ war am schnellsten.

Zwei Tage später meldete sich wolfgang.schuessel@oevp.at - besser sein Wahlteam. Wofür sie denn Studiengebühren zahle, wenn sich an den Unis nichts geändert hat, wollte Studentin Zachner wissen. Das VP-Wahlteam argumentiert lange, um zu dem Schluss zu kommen: "Die Studienbeiträge sind eine akzeptable Maßnahme."

Am längsten, fast eine Woche, brauchte Grünen-Parteichef Alexander Van der Bellen (alexander. vdbellen@gruene.at). Dafür antwortet er persönlich. Ob es ihn ärgere, dass die SPÖ sich nicht deutlich für Rot-Grün ausspreche? Der Parteichef: "Es ist nicht so, dass sich die Grünen über angeblichen ,Unwillen' der SPÖ zur Bildung einer grün-roten Koalition ärgern."

In der FPÖ wird ganz offensichtlich um jede Stimme gekämpft. FP-Obmann Herbert Haupt will sich gar persönlich melden. Eine Mitarbeiterin im Ministerbüro schrieb an Frau Zachner: "Bitte geben Sie uns Ihre Telefonnummer bekannt. Wir rufen Sie gerne zurück." (Peter Mayr, Walter Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2002)