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David Grossmann

Foto: Archiv
Für das politische Engagement und die hohe literarische Qualität seines Schreibens wurde der israelische Autor David Grossman nun in Wien mit dem Manès-Sperber-Preis geehrt. Auch im Gespräch begreift er Literatur als eine Form der differenzierteren Wahrnehmung.

Wien - Gemeinsam mit Kollegen wie Yoram Kaniuk, Amoz Oz und A. B. Yehoshua setzt sich der israelische Autor David Grossman seit Jahren für einen Dialog mit den Palästinensern ein. Einen Dialog, den zu führen momentan nur eine Minderheit bereit ist.

STANDARD: Vor zehn Jahren erschien Ihr Buch Der geteilte Israeli, in dem Sie die Situation der arabischen Mitbürger in Israel schildern. Es trägt den Untertitel "Über den Zwang, den Nachbarn nicht zu verstehen". Dieser Zwang ist seither gewachsen. Ist ein Verständnis für den palästinensischen Nachbarn heute in Israel überhaupt noch möglich?

Grossman: Ich sehe keine Alternative. Wenn wir nur Feind unseres Feindes sind, ohne das geringste Verständnis für seine Motivation, für seine Fehler, dann löschen wir ihn aus, und er wird versuchen, uns auszulöschen. Wer Teil der Realität sein will und nicht Teil der eigenen Utopien und Träume, muss den ganzen Text der Realität lesen, auch jene Stellen, die beunruhigend und furchterregend sind. - Missverstehen Sie mich nicht als Pazifist. Ich war vier Jahre beim Militär, habe an zwei Kriegen teilgenommen. Wenn mein Leben in Gefahr ist, werde ich wieder zur Waffe greifen. Aber gleichzeitig werde ich wissen, dass das nicht der richtige Weg ist. Weil Gewalt Gewalt erzeugt.

STANDARD: Sollte Benjamin Netanjahu im Jänner als Nachfolger Sharons gewählt werden, ist kaum zu erwarten, dass er diplomatischer vorgeht als Sharon jetzt.

Grossman: Netanjahu geht jetzt in die Wahl mit dem Slogan ,Arafat loswerden'. Als ob dabei etwas Gutes herauskommen könnte. Was passiert aber wirklich, wenn man Arafat entweder ins Exil schickt oder ihn tötet? Wir werden einem Chaos im Inneren der palästinensischen Gesellschaft gegenüberstehen, die zu einer Wiederbesetzung der okkupierten Gebiete führen wird. Und vielleicht ist es das, was Netanjahu will. S TANDARD: Seine offizielle Begründung lautet, wenn Arafat fort ist, werde man mit moderateren Politikern verhandeln können . . . Grossman: Aber das Gegenteil wird eintreten: Wenn wir Arafat beseitigen, zwingen wir alle Palästinenser geradezu in den Fanatismus. Selbst wenn dann jemand Moderateres als sein Nachfolger gewählt würde, müsste er erst einige Jahre lang ihre Fähigkeit beweisen, Israel zu trotzen, um das Vertrauen der Palästinenser zu erwerben - und wir verlieren wieder vier, fünf Jahre, bis wir zu Verhandlungen kommen können. Die einzige Person, mit der wir verhandeln können, ist diejenige, die die Palästinenser in den kommenden Wahlen wählen. S TANDARD: Zurück zur Literatur. Neben Ihren Kommentaren zur Politik und Ihren Romanen schreiben Sie Kinder- und Jugendbücher. Vor kurzem erschien auf Deutsch Wohin du mich führst . Haben Sie da so etwas wie eine politische Botschaft an die Jugend? Grossman: Nein. Ich möchte nur eine gute Geschichte erzählen. Ich möchte, dass Kinder Lust kriegen zu lesen. Sie sollen den Reichtum unserer Sprache kennen lernen. S TANDARD: Kinderliteratur als ein Plädoyer für die Sprache? Grossman: Ja. Denn wer eine Sprache hat und in der Lage ist, die Nuancen jeder Situation, jeder Stimmung, jeder Person zu beschreiben, dessen Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen, ist eine andere. S TANDARD: Eine differenziertere Wahrnehmung als literarische Antwort auf die gängigen Vereinfachungsstrategien der Politik? In Israel ist eben Ihr jüngster Roman erschienen, im Gegensatz zu früheren Büchern spielt der aktuelle politische Konflikt darin keine Rolle. Grossman: Der Roman heißt Itruf , was bedeutet, sich selbst in den Wahnsinn treiben. Er handelt von einem Ehemann. Seine Frau hat seit zehn Jahren einen Liebhaber, mit dem sie sich trifft. Heimlich, jeden Tag eine Stunde lang. Aber der Mann weiß alles . . . vielleicht jedoch ist alles auch nur seine Fantasie. Eifersucht ist eine sehr kreative Emotion. Als Eifersüchtige werden wir alle zu Schriftstellern. S TANDARD: Also, wie zuletzt schon in Sei du mir das Messer der Versuch, die kleinsten Mechanismen der Psyche verstehen zu lernen als Ausgangspunkt des Dialogs? Grossman: Es gibt einen Punkt in Sei du mir das Messer , wo Mirjam zu Jair sagt: Ich stelle mir vor, bevor du und ich geboren waren, gab es einen Moment in der Ewigkeit, als du entscheiden konntest, als ich geboren zu werden. Vielleicht hast du den Bruchteil einer Sekunde gezögert, bevor du dich entschieden hast, du zu werden. Und für den Rest deines Lebens trägst du die Trauer in dir, nicht ich geworden zu sein. - Das ist vielleicht eine Definition der Liebe, aber auch eine Definition des Schreibens. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2002)