Über das zulässige Maß von Satire lässt sich nicht sinnvoll streiten: Man könnte mit dem nämlichen Recht dem Zahnarzt vorwerfen, dass seine Wurzelbehandlung einen Schmerz bereitet, der auch dann nicht tolerabel ist, wenn er die Sanierung des Mundraums glaubhaft in Aussicht stellt. Der deutsche TV-Satiriker Harald Schmidt galt bis vor kurzem als Intellektueller, der in seiner Show die Zerstreuungsbedürfnisse gehobener Fernsehkonsumenten mit deren masochistischer Lust am Tabubruch aussöhnte.

Witze, die Schmidt über polnische Autohehler riss, wurden nicht einfach als bedenkliche Ausfälle gegen kriminelle Wettbewerbsverlierer gewertet, die man aus Gründen des Ressentiments bei ihrer Volkszugehörigkeit packt. Schmidt, ein steinreicher Medienunternehmer, der seinem Sender Sat.1 unverhohlen zeigt, dass dieser von ihm abhängig ist, wurde daraufhin nachgesagt, er demaskiere die Heuchelei von Sprachregelungen, die unter faul gewordenen Liberalen helfen sollen, den Verkehrswert ethischer Mindeststandards sicherzustellen. Satire tritt dort in ihr Recht, wo sie trifft. Ob Ausfälle gegen die Political Correctness nicht schon selbst Ausdruck von Spießertum, sind, mag dahingestellt bleiben. In Wahrheit aber zählte die obszöne Freude an Schmidts verschwenderischer Geste:

Moral als Sprachspiel

Der ehemalige Ministrant aus dem schwäbischen Nürtingen demonstrierte genüsslich, dass er es sich leisten könne, aus der Moral ein Sprachspiel zu machen. Wer in der Unterhaltungsindustrie Erfolg hat, kann mit der realen Ohnmacht guter Vorsätze ("Ich gelobe, zu einem Afroamerikaner nie mehr 'Neger' zu sagen ..") verfahren, wie er will.

Nach Meinung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat der erfolgsverwöhnte Liebling des Feuilletons mit seinen höhnischen Ausfällen gegen die kassenstürzende Regierung Schröder jetzt aber eine Demarkationslinie überschritten. Schmidt signalisierte in den letzten Wochen frohgemut und nimmermüde die Absicht, dem peinlich klammen Finanzminister mit seinen wahrscheinlich nicht unbeträchtlichen Steuerabgaben beim Etat-Retten zu helfen.

So viel höhnische Affirmation machte die ihrerseits krisengeschüttelte FAZ geradezu wütend: Schmidts Gags würden "nerven, nerven, nerven". Sie seien dazu angetan, das fiskalpolitische "Desaster" zu verharmlosen, und beraubten die von Armut und Arbeitslosigkeit schwer Getroffenen auch noch ihrer Scham. Verelendung, so der Vorwurf an einen Superreichen, sei auch nicht unter galgenhumorigen Umständen spaßwürdig. Bestimmt wird Schmidt den Bogen, den er angeblich überspannt hat, nicht neu schnitzen. Doch die Verwerfungslinien nicht nur in Deutschland haben sich verschoben: Galt vor kurzem noch das Vorherrschen einer Politikverdrossenheit, die an den zusehends undurchschaubarer gewordenen Prozessen der Weltwirtschaft nicht auch noch partizipieren wollte, so setzt sich nun die Einsicht durch, dass staatliches Krisenmanagement eine Sache sein könnte, die "irgendwie" alle angeht. Denn Politik galt lange bloß als zu vernachlässigendes Sprachspiel unter vielen. Zwar hätte jeder auf Anhieb zu sagen gewusst, dass mit der postindustriellen Transformation unserer Erwerbsgesellschaften die schlecht bezahlte Lohnarbeit nicht einfach von der Erdoberfläche verschwunden sein konnte: Während man hierorts von "E-Commerce" und von der Logo-Kultur des "Kulturkapitalismus" plauderte, wurden Jeans in Bangladesch und Guatemala weiter von Hand genäht. Mit dem Überwechseln der Krise auf Europa wird Satire nicht arbeitslos werden; aber sie wird sich auf absehbare Zeit ihr Deutungsmonopol mit der Einsicht in Zusammenhänge teilen müssen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2002)