Salzburg - Der gute alte Frauenseelendurchleuchter aus Norwegen hatte vor 120 Jahren mehr über weibliche Martyrien zu sagen als so mancher Psychodramatiker unserer Tage. Dass die Geschlechter nicht wirklich zusammenpassen, ist eine frisch gebliebene Grundaussage von Ibsens Nora, einem erstaunlich aktuellen Stück über gegenseitige Fesselungspraktiken erfolgreicher Machos und raffiniert-naiver Gespielinnen.Es spricht für die Qualität der Regiearbeit Katharina Rupps, dass die Verhältnisse im "Puppenheim" der Kammerspiele des Salzburger Landestheaters keine Staubschicht aufweisen. Einzig Noras erklärungsschwangere Flucht aus dem Luxusgefängnis eines modischen Yuppiehaushaltes wirkt aufgesetzt - aber zu einem radikaleren Ausbruch aus dem Ehekorsett der Verlogenheit mochte sich Ibsen 1879 nicht durchringen. Die jüngste, durch Krankheit der bemerkenswerten Hauptdarstellerin monatelang verschobene Produktion der Landesbühne wird als wichtiges Schauspielereignis der ablaufenden Ära Hochstraate in Erinnerung bleiben. Das liegt an der frechen Bearbeitung und an Tempo und Leichtigkeit der Inszenierung: Hier wird nicht dumpf das verholzte Patriarchat seziert, sondern vergnügt mit den Falltüren der Konsumgesellschaft gespielt. Julia Urban ist die perfekte Besetzung für eine leichtfertig plappernde, sexy Mausi-Lady der "Seitenblicke"-Gesellschaft. Sie schafft locker den Spagat zwischen Lolita-haftem Männerrequisit und gedemütigter Ehefrau. Maximilian Schmiedl radiert als Noras Banker-Ehemann die letzten Reste des Taxi Orange-Lackes von der Substanz eines ernst zu nehmenden Darstellers; Britta Bayer liefert als Noras Freundin die anrührende Skizze gequälter Frauenselbstständigkeit. Man darf hoffen, dass "Nora" nicht nur die pubertierende Schmiedl-Fangemeinde zum aufgeregten Lauschen bringt. Das junge Team hat sich echtes Interesse verdient. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 21.11.2002)