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Peking, Skyline

13 Komma 82 Millionen Einwohner. Acht Millionen Fahrräder. 1,58 Millionen Autos. 219.481 Hotelzimmer. 112 Museen. Und ein großer Plan mit kleinen Tücken: Kaut Grünzeug statt Bambusratten, lautet eine davon. Der Verkauf von wild lebenden Tieren wird in Peking neuerdings nämlich geächtet. Aber das war zu erwarten. Grünzeug ist gesünder, auch fürs nationale Prestige. Das weiß man im administrativen Herzstück von Chinakohlland, das sich allmählich für die Olympischen Spiele des Jahres 2008 rüstet. Bäume statt roter Wimpel

Also pflanzen Pekings Studenten dieser Tage eher Bäume als rote Wimpel, vor allem am Nordende der Stadt, wo gerade das bewaldete Olympic Green entsteht, ein neues Glanzstück einer 3000 Jahre alten Metropole, die sich wieder einmal kräftig in die Hände spuckt: Mehr als 100 Kilometer U-Bahn will man etwa bis 2005 schaufeln, fast das Doppelte der bisher bestehenden Strecke. 700 Kilometer City-Highway sollen im selben Zeitraum entstehen. Schon spricht man vom ambitioniertesten Bauprojekt seit der Großen Mauer. Zwölf Milliarden Dollar wurden dafür budgetiert. Kein Klacks für eine Stadt, in der der Topf fein geschnittenes Fleisch samt Reis, Sojasauce, Chili und Brühe gerade dreißig Cent kostet.

Das meint auch Student Chiang am vorgerückten Abend, im preisgünstigen Mongolian-Hotpot-Restaurant, während er gewissenhaft feine Lappen rohes Lammfleisch ins Sojaöl tunkt und sie auf dem dampfenden Eisengrill zischen lässt. Kohlengefüllte heiße Blechkübel werden dazu mit dicken Lappen an die Tische geschleppt, von Männern in löchrigen T-Shirts, die wie Maschinisten eines Kanonenbootes aus dem Küchenverbau auftauchen und dem Mahl solide Proletarier-Atmosphäre bescheren.

Doch Pekings Relationen verzerren sich heute in vielerlei Hinsicht. Das verrät allein eine Visite der nahe gelegenen Einkaufsmeile Wangfujing Dajie, einem besonders dekadenten Stückchen Peking, das Besuchern aus den umliegenden Provinzen trotz aller Vorwarnung vor Marktreform und Dagobert Duck wie eine Seifenpekingoper vorkommen muss.

Typen mit Igelfrisuren und Tausend-Dollar-Anzügen decken sich hier in Luxuskaufhäusern wie dem "Beijing Department Store" mit Rolex-Uhren ein. Feine Damen im Designerkostüm drücken ihren Chauffeuren noch schnell das bourgeoise Hündchen in die Hand, um danach per Rolltreppe Richtung Paris-Givenchy zu entschweben. Bye-bye, Polyesterbluse. Tschüss, Mao-Jacke! Teurer französischer Bordeauxwein und karmesinfarbene Unterwäsche sind dem neuen Geldadel der Stadt rot genug.

Die Zuckungen des jüngst erwachten Wirtschaftsriesen China sind auch im historischen Zentrum des Riesenreiches nicht zu übersehen. An allen Ecken und Enden schießen heute die Hochhäuser wie Bambussprossen aus dem Boden, und zum Gebimmel der schwarzen "Flying Pigeons"-Einheitsfahrräder klingeln immer häufiger auch die zwischen Straßenbarbier und offenen Dampfknödelküchen stolz gezückten Handys. Wer darauf einbrüllen darf, hat es in der Regel geschafft. Doch die besseren Moneymaker-Storys erzählt sich Peking trotzdem lieber bei einem ruhigen Glas Tsingtao-Bier am Straßenrand.

Etwa jene von der Tellerwäscherin, die es tatsächlich zur Millionärin brachte, nämlich der 40-jährigen Uigurin Sadat Hamait, die aus einem Tisch mit fünf Sitzplätzen für Lämmer am Spieß eine florierende Restaurantkette mit Bauchtanz-Garantie aus dem Boden stampfte. Andere zogen sich lieber an ihren eigenen Stimmbändern nach oben: Wegen seiner aufmüpfigen Songs und der aufgekratzt reisschnapsschwangeren Stimme wird der smarte Cui Jian als "Bob Dylan der Volksrepublik" gefeiert und führt seither die Rock-Charts im Stile eines Großen Hitlisten-Vorsitzenden an.

Wer am frühen Morgen im weitläufigen Tiantan Park die Flugdrachenverkäufer und die meditative Ruhe des dortigen Himmelstempels - ein im Herzen Pekings gelandetes, bizarr blau glasiertes Ufo aus einer anderen Zeit - links liegen lässt, kann Jians Songs fast täglich hören. Noch dazu so, wie sie am authentischsten klingen: direkt aus leiernden Kassettenrekordern, mit deren Hilfe Pekings Jugendliche hier Jazzgymnastik treiben und die Schattenboxer unter den Nachbarkoniferen alt aussehen lassen. "A jump to the left, a jump to the right." Doch was sonst?

Der "große Sprung vorwärts" bleibt ohnehin Pekings Fußgängern vorbehalten, die sich so vor dem zunehmend dichter werdenden Autoverkehr und den kalligrafisch verschnörkelten Vorstadt-Flyovers in Sicherheit bringen. Nein, ganz so hat sich der alte Mao Zedong seinen "big leap forward" wohl nicht vorgestellt, nachdem er die letzten Hofschranzen und Kammerdiener aus Pekings Palastviertel vertrieben hatte und vor 53 Jahren hier die Volksrepublik ausrufen ließ.

Das große Porträt des Großen Vorsitzenden mit den markant großen Geheimratsecken hängt zwar noch immer am Zugang zur Verbotenen Stadt und blickt von dort auf das eigene Mausoleum hinüber, in dem Mao, das Original, wächsern weiß vor sich hinleuchtet. In etwa so, als hätte er am Sterbebett eine 60-Watt-Birne verschluckt. Draußen fällt währenddessen sporadisch feiner Nieselregen, und der Himmel legt sich wie eine fettige Scheibe weichzeichnerisch über die megalomane Stadt.

Ein mutiges Pekinger Mädchen mit lichtblauen Haaren, das sich trotzig schlendernd in der gnadenlos friedlichen Weite des Tiananmen-Platzes verliert und trotzdem weit weniger auffällt als die vielen durchtrainierten Herren, die aufgrund ihrer tadellosen Bügel-, aber fehlenden Lachfalten mühelos als Geheimpolizisten erkennbar sind. Die Düsenjets, die mit 6-Volt-Batterien und in Kopfhöhe an den Spielzeugbuden des nahen Qianmen-Marktes kreisen, sind weitere beruhigende Details inmitten Pekings gigantischer Abmessungen. Letztere machen das urbane Schachbrett aus hellgrauem Beton und dem gelben Sand der nahen Wüste nämlich mitunter etwas unheimlich.

Schon gar am zentralen Feld E4, der einst Verbotenen Stadt, der leeren Residenz der verschwundenen Kaiserfigur. Das eigentliche Sightseeing-Programm ist abgehakt für diesen Tag: bereits frühmorgens Bummel unter malerischen Trauerweiden am zwölf Kilometer nordöstlich des Zentrums gelegenen Sommerpalast mit seinen Pagoden und glasierten Ziegeln hoch über dem hellgrau glitzernden, von kitschigen Schwanenbooten befahrenen Kunming Lake.

Später: Mao-Mausoleum, Große Halle des Volkes plus Thinktank für 10.000 Abgeordnete. Und natürlich: die unvermeidliche Leere des angrenzenden Tiananmen-Platzes, der seit 1989 unauslöschlich mit der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung verbunden ist. Seine Leere ist nur ansatzweise eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Schon 1651 ließ man die Pufferzone zwischen Himmelssohn und Volk anlegen, an der Beamtenprüfungen verlesen und Todesurteile vollstreckt wurden. Auf über 40 Hektar Ausdehnung vervierfacht wurde der Platz des Himmlischen Friedens hingegen im Jahre 1958.

Trotzdem ist die hier empfundene Dimension das Resultat einer 5000 Jahre langen Geschichte: Politisches Zentrum wurde Peking, die wörtlich "nördliche Hauptstadt", erst 1272, als Kubilai Khan mit seinen Mongolen hier einrückte, auch wenn der Ort schon achthundert Jahre zuvor als lokale Fürstenresidenz gedient hatte. Wenig später begründeten die Ming ein Zentrum nach strengem Raster, setzten eine sieben Kilometer lange Zentralachse in Nord-Südrichtung, legten neun Vorstädte an, richteten die Gebäude der Anlage der Stadt entsprechend aus, erfanden zu den vier Himmelsrichtungen vor allem eine fünfte: die Mitte.

Hinter der Leere liegt die Mitte der Mitte, Pekings Verbotene Stadt, eine grandiose Flucht von Treppen, Vor- und Innenhöfen. 24 Kaiser residierten hier, am Mittelpunkt des Reiches und des Kosmos. Purpur, die Farbe des Polarsterns, wurde die offizielle Leitfarbe dieser künstlichen Welt, der 9999 Räume nachgesagt wurden - eine Vervielfachung der dem Kaiser vorbehaltenen Zahl Neun, die Ewigkeit symbolisierte.

Über 500 Jahre war der Kaiserpalast zugleich auch Bühne ausgefeilter Rituale und Eunuchenränke. Ein Hauch von Requisitenkammer und Kulisse umgibt Pekings schönes totes Herz bis heute: Im weichen, dunstigen Abendlicht verschachteln sich die Mauern und Dachfirste der grandiosen Kaiserstadt in immer neuen Perspektiven ineinander wie übereinander projizierte Bilder. Ein wahres Labyrinth aus roten Toren und Säulen, aus weißen Marmorbrückchen und gelb glasierten Majolikadächern verbirgt sich dazwischen, bewohnt von Glücksdrachen, Bronzelöwen, Marmorschildkröten. Jetzt wippen die roten Haarschleifchen der herausgeputzten chinesischen Einzelkinder zwischen der kaiserlichen Starre. Sie wittern hier vor allem die Chance auf kandierte Äpfelchen. (Robert Haidinger/DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2002)