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Foto: dpa/Boris Roessler
Die Appelle aus den Tiefen der ÖVP sind nicht zu überhören. Das Land brauche jetzt "eine stabile Regierung", befindet Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll appelliert mit theatralischem Gestus, die SPÖ dürfe sich nach der Wahl - wie immer diese auch ausgehen möge - "staatspolitisch nicht verweigern". Was die beiden sagen wollen: Die ÖVP sei nach der Implodierung ihres Koalitionspartners FPÖ wieder für die große Koalition offen. Sie stellen aber die Bedingung, dass eine Zusammenarbeit mit der SPÖ auf eine völlig neue Basis gestellt werde müsse und nicht in die Zeit der Erstarrung vor 1999 zurückfallen dürfe. Hier treffen sich die VP-Granden durchaus mit der SPÖ-Spitze, die ebenfalls über eine "neue" große Koalition als letzten Ausweg philosophiert. Dass seit Tagen langsam und beständig die große Koalition wieder ins Blickfeld geschoben wird, ist in erster Linie unter der Rubrik "politische Taktik" abzuhaken und im Grunde nicht epochal ernst zu nehmen. Derartige Spekulationen sind das, wofür sie ausgestreut werden: Wahlkampfsand in den Augen der Wähler. Das politische Farbenspiel ist längst festgelegt: schwarz-blau oder rot-grün. Es ist schlicht illusorisch, dass nach der gemeinsamen Historie gegenseitiger Demütigungen und Hintergehungen die Brücken zwischen den beiden Großparteien so rasch wieder "neu" aufgebaut werden könnten. Die beiden Parteien sind weiter voneinander entfernt denn je. Die Narben, die die jahrelangen schweren Konflikte hinterlassen haben, sind in beiden Parteien noch lange nicht verheilt. Die schwarzblaue Koalitonsregierung war ja gewissermaßen auch das Resultat der langen Leidensgeschichte der rot-schwarzen Ehe. Für viele in der ÖVP war dieser Wechsel ins blaue Lager ein Befreiungsakt. Die fragile rot-schwarze Beziehungskiste war schon in den Neunziger Jahren schwer lädiert. Die kabaretthaften Eheszenen, als darüber gestritten wurde, wer den EU- Vertrag unterschreiben darf, war nur für Außenstehende amüsant, aber eines jener nach außen gedrungenen Indizien für die wachsenden Zerrüttung zwischen ÖVP und SPÖ, zwischen dem damaligen von der SPÖ bei den Wahlen geschlagenen ÖVP- Chef Alois Mock und dem smarten SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky. Für den endgültigen Bruch der Beziehung - deren Ursachen freilich bis weit hinein in die "Waldheimaffäre" der Achtiger Jahre reichen - war schließlich die SPÖ verantwortlich. Die feindliche Übernahme des Herzstückes der schwarzen Finanzlandschaft, der ÖVP-Traditionsbank CA durch die rote Bank Austria, führte zu dem bis heute nicht gekitteten Vertrauensbruch. Die ÖVP-Führungsschicht war kalt ausgetrickst worden. Sie sann in diesen Monaten des Jahres 1997 auf Rache. Wie tief diese Episode noch heute sitzt, zeigte ein Landeshauptmann Josef Pühringer, der vor wenigen Tagen warnte: "Einen Coup wie die Bank Austria darf´s in einer neuen Koalition nicht mehr geben." In den darauf folgende Jahren herrschte Eiszeit und die koalitionäre Politik der beiden Parteien war im Grunde nur noch gekennzeichnet durch letzte Versuche des gegenseitigen Machterhaltes. Nichts ging mehr. Als Wolfgang Schüssels ÖVP nach der Wahl 1999 sein Oppositionsversprechen brach, stattdessen in eine Koalition mit den Freiheitlichen wechselte und daran ging, die SPÖ aus den Führungsetagen der Republik zu entfernen, war der Bruch besiegelt. Die SPÖ zog sich gedemütigt und voller Zorn zurück. "Nie wieder" ist in der SPÖ bis heute zu hören. Ein Zusammengehen der beiden Parteien nach der Nationalratswahl wäre nur als neuerlicher Versuch des gegenseitigen Machterhaltes zu werten. Dass dies als Basis nicht ausreicht, zeigen die Ereignisse nach der Wahl 1999. Und auch wenn Österreichs Massenblatt mit Krampf eine Wiederbelebung versucht: Sie war noch nie so tot wie heute, die große Koalition.(DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2002)