Der rumänisch-deutsche Sprach-erfinder Oskar Pastior (75) erhielt am Sonntag in der Kunsthalle Wien den "Erich-Fried-Preis 2002" überreicht - eine kleine Würdigung.

Wien - Die Poesie macht ihre Leser gerne glauben, dass ein Wort das andere gibt. Und zwar soll aus einem Wort zwingend ein anderes hervorgehen, welches trifft: Demzufolge besitzt die (deutsche) Sprache auch Wörter, die das Verhältnis zwischen zwei Wörtern angeben; sie heißen "und", "oder", "als", gelten als unscheinbar, garantieren aber Textzusammenhalt und Treffsicherheit. Sie sind die Zippverschlüsse im Sprachgewand. Wie aber, wenn die Zähne sich anders, als gewohnt, ineinander verbeißen?

Was ist, zum Beispiel, mit Vorsilben, welche die ihnen nachgestellten Wörter offenbar zum Unfug erklären: Was wäre ein "Unding" - wenn ihm die Grammatik nicht einen unverwechselbaren Platz im Gefüge zuwiese?

"Aus der Unsauberkeit der Sprache kommt man nicht raus", erklärt der rumänisch-deutsche Dichter und Sprachsteller Oskar Pastior, und ihn betrübt das chaotische Rauschen der Sprache(n) kein bisschen: "Auch daher der Wunsch, sie anders zu handhaben", so Pastior. Oder, noch treffender gesagt: "Hölderlin ist eine schöne, dem Deutschen verwandte Sprache."
Die sich immer weiter verzweigende Poesie Pastiors: Die unübersehbare Fülle seiner Anagramme, Palindrome, Sestinen und Sonette, der Vokalisen, "Gimpelstifte" und "Wechselbälger", großteils verlegt bei Hanser, kennt keine Zielbestimmung.

Sie stellt aber die Denk- und Drehbewegungen nach, die sehr viel öfter, als es sich herkömmliche Buchgelehrsamkeit träumen lassen mag, zu Gedichten führen: zu großen, haltbaren, wertbeständigen Gebilden. Denn: "an den phonemen von yemen/ die an jenen kinnen terzinen/ bilden und schimären hin-// latrinen oder binnenthemen/ denen sie abhanden schwimmen/ indien bis anden abgewinnen . . ."
Dieses "abgewinnen" ist die denkbar unverkrampfteste Weise, den von den Wissenschaften und ihren Doktrinen geworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen und ihn umzustülpen - die sprachlich verfasste Welt und die ihr angeblich zugrunde liegende "Bedeutung" von innen nach außen zu kehren. Vor Pastiors Spracharbeit haben Ideologien und Vorurteile keinerlei Bestand. Pastior, im rumänisch-deutschen Hermannstadt geboren, erfuhr lange genug die Peinigung durch einen ideologisch reglementierten Alltag. 1969 übersiedelte er nach Berlin, wo er bis heute lebt.

Auch die angeblich unumstößlichen Gesetze der Ökonomie versagen vor dieser Dichtung als lebenslangem Spiel: Pastior-Texte stellen etwas her (Wirkungen und Zusammenhänge), indem sie es zugleich verbrauchen. Er sucht, in einer nie endenden hermeneutischen Spiralbewegung, den "Text vor dem Witz des Wissens". Er vertraut "allem, was mich schreibt, indem ich schreibe". - Man hat Pastior den Experimentellen zugezählt, ihn als fernen, ein wenig fremdartigen Cousin von Jandl, Artmann oder Rühm bestaunt. Er hat in Rumänien gelernt, was es heißt, Kisten zusammenzunageln. Er hat gelernt, wie man ungewöhnliche Gedichte verfasst. Ausgelernt wird er nie haben.
Vor allem aber hat Pastior, der die Lexika liebt, den Zufall schätzt, der gelernt hat, die Fehlzündungen der Sprache als unverhoffte Geschenke anzunehmen, viel gegen falsche Hierarchien angeschrieben - gegen jene Borniertheit, die glaubt, ihr bisschen Sprache gegen "Fremdartigkeit" verteidigen zu müssen.

Morgen, Sonntag, erhält Pastior von Staatssekretär Franz Morak den Erich-Fried-Preis 2002 überreicht. Vielleicht versenkt sich auch die große Politik am Wahltag noch einmal in das "Hören des Genitivs" (Pastior). (Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, Sa./So., 23.11.2002)