Ihre kritische Betrachtungsweise der Vergangenheit veranschaulicht Christina Lutter durch eine Zeitreise in die Zukunft. Welch ein Bild der Geschlechterverhältnisse im Europa des Jahres 2002 würden sich etwa "Historikerinnen und Historiker in 200 Jahren machen", wenn sie sich bei der Forschungsarbeit über die lebensweltliche Bedeutung von Religion auf Stimmen der kirchlichen Eliten verließen?Die Stellungnahmen des Papstes oder jene Kurt Krenns, untermalt von statistischen Daten, die die österreichische Bevölkerung als überwiegend katholisch auswiesen, ergäben ein Gegenwartsbild, das den Realitäten nicht gerecht würde. Genauso wenig wie "eine historische Studie, die sich unkritisch nur auf Überlieferungen normativer Texte bezieht, das 12. Jahrhundert verständlich machen kann", vergleicht die 32 Jahre alte Wienerin. Sie weiß, wovon sie spricht: Seit Sommer 2000 arbeitet die promovierte Historikerin, Universitätsvortragende, Bücherherausgeberin und Forschungsschwerpunktbetreuerin des Bereichs Cultural Studies/Kulturwissenschaften und Gender Studies im Wissenschaftsministerium an ihrer Habilitation. Thema: "Geschlecht und Wissen im 12. Jahrhundert". Ein besonderer Fall von "Schnittstellenkompetenz" also: Der Fertigkeit, sich frei zwischen verschiedenen akademischen Disziplinen und Arbeitsbereichen zu bewegen. Lutter schlug diesen Weg schon zu Studienbeginn ein: 1988 nutzte sie die damals neu sich bietende Möglichkeit, eine Fächerkombination aus Sprach- und historischen Wissenschaften zu inskribieren. "Ziemlich quer" sei sie damals eingestiegen, erinnert sie sich. Eintauchen in den Poststrukturalismus - "wichtig war Michel Foucault" -, unterstützt durch "Nachwuchsförderung ohne Zwang" von Seiten der universitären Lehrer. Diese Positivbilanz ebnete den Weg in den Ausbildungslehrgang des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Dann, 1994, kam die Chance einer Karenzvertretung im Wissenschaftsministerium - die beruflichen Weichen waren gestellt. Heute ist die einzige Tochter aus einer Vier-Kinder-Familie - "Bei uns war Halbe-Halbe von Anfang an selbstverständlich" - für die Betreuung der expandierenden Frauen-, Geschlechterforschung und Kulturwissenschaften zuständig. Die Durchsetzung des neuen, ab dem aktuellen Wintersemester inskribierbaren Wahlfaches Cultural Studies an der Universität Wien kann sich Christina Lutter mit auf die Fahnen schreiben. Ebenso die Ermöglichung der ersten, großen Studie Perspektiven des Gender-Studies-Lehrangebots. Nicht zwangsläufig rosig seien diese, betont die erfolgreiche Akademikerin. Gerade in diesem Bereich "der wenig kostet, aber mittelfristig viel bringen", sei der Wirtschaftlichkeitsgedanke allein nämlich zu wenig. (bri/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 11. 2002)