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Bundeskanzler Wolfgang Schüssel

foto: reuters/bader
Er wolle Kanzler und Erster werden, hat Wolfgang Schüssel anlässlich seiner Wahl zum ÖVP-Obmann gesagt. Das war 1995 und damals völlig unrealistisch. Dann pokerte er sich 1999 aus der Position des Dritten heraus zum Bundeskanzler. Gestern feierte er den Triumph seines Lebens. Kein anderer heimischer Politiker hätte die Nerven für den - gelinde gesagt - unkonventionellen Weg dorthin gehabt.

"Gelassenheit" nannte er es selbst, wenn er dafür kritisiert wurde, dass er zu den blauen Kapriolen keinen Ton verlor. Der Versuch, die FPÖ-Minister ins gemeinsame Regierungsboot zu holen, war dem Rest der Blauen verdächtig. Die Folgen sind bekannt. In dem Maße jedoch, in dem sich die Freiheitlichen unberechenbarer zeigten, wurde die ÖVP stabiler. Kein Landeshauptmann muckte auf, nicht einmal Erwin Pröll. Und der ganz auf den Kanzler zugeschnittene Wahlkampf lief wie auf Schienen.

Entscheidungen pflegt Schüssel im kleinsten Kreis zu fällen. Wilhelm Molterer, Elisabeth Gehrer, Andreas Khol gelten als seine Vertrauten. Außerhalb der Partei hört er auf den Manager Claus Raidl und Meinungsforscher Rudolf Bretschneider. Im Ausland gelten unter anderem EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker als verlässliche Partner. Internationale Kontakte konnte der Kanzler schon als Außenminister (1995-2000) knüpfen.

Schüssel wurde 1945 geboren. Der Vater verließ die Familie früh. Dass das Scheidungskind Wolfgang dennoch das konservative Schottengymnasium in Wien besuchen durfte, verdankt er einer Tante. In jungen Jahren galt Schüssel als Katholik der Jazzmessen-Fraktion. 1968 begann der studierte Jurist als Sekretär des ÖVP-Parlaments, wechselte dann in den Wirtschaftsbund. Als Wirtschaftsminister in der großen Koalition ereilte ihn der Ruf an die Parteispitze. Vorgänger Busek empfahl ihm: "Stell dich blöd. Weil einen G'scheiten mögen's nicht in der ÖVP."

Stimmt offenbar nicht. Schüssel ist ein Schnelldenker, der sich ungern in die Karten schauen lässt. Reden spricht er frei, und in Bedrängnis wird er schmallippig. Zorn lässt ihn gelegentlich undiplomatisch werden.

Die Familie wird strikt von der Politik getrennt. Keine privaten Fotos, schon gar nicht von den Kindern Nina (29) und Daniel (15). Auf die (kritische) Stimme seiner Frau, einer Psychotherapeutin, hört Schüssel. Jedes einzelne Familienmitglied wird als "eigenständig" und "unangepasst" beschrieben.

Was Schüssel nicht mag: Sanktionen, Überraschungs-angriffe im Fernsehduell, lästige Journalistenfragen. Was er mag: zeichnen, musizieren, Fußballspielen. Und Kanzlersein. Jetzt wahrscheinlich noch lieber. (Der Standard Printausgabe 25. 11. 2002)