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Ihre Venedig-Krimis erreichen Millionenauflagen: Am Mittwoch trat Donna Leon im Rahmen der Siemens-Academy-of-Life-Gala auf, am Freitag liest sie im Akademietheater - auch, weil Händel sie nach Wien lockte. Cornelia Niedermeier sprach mit ihr. STANDARD: Frau Leon, Sie sind wieder einmal auf Händels Spuren in Wien? Donna Leon : Ja. Ich folge einem höheren Zweck. Giulio Cesare . Ich habe ihn am Dienstag im Konzerthaus gehört - und höre ihn am Donnerstag noch einmal. Absolut atemberaubend. STANDARD: Es ist also kein Zufall, dass Ihre Lesungen meistens mit Händel-Aufführungen zusammentreffen? Donna Leon : Nein, nein. Das Einzige in meinem Leben, das wirklich organisiert ist, sind meine Opernbesuche. Ich weiß zwei Jahre im Voraus, wann ich wo welche Oper hören werde. Um diese Termine herum plane ich den Rest des Jahres ... STANDARD: ... und das Schreiben. In den Freiräumen entstanden mittlerweile mehr als zehn Krimis rund um den Commissario Brunetti. Donna Leon : In England ist der elfte Fall schon erschienen, Wilful Behaviour . Nummer zwölf, Uniform Justice , erscheint im März '03, der Dreizehnte ist fast fertig ... Und die Idee für 14 ist bereits in meinem Kopf. STANDARD: Was ist der Ausgangspunkt, von dem aus Sie einen neuen Roman angehen? Donna Leon : Alles, was ich benötige, ist das erste Kapitel. Normalerweise taucht es als Bild vor mir auf, eine interessante Szene. Außer dem Bild habe ich keinerlei Vorstellung, wie der Roman weitergehen sollte. STANDARD: : Auch beim Beginn des Schreibens? Donna Leon : Während des Schreibens an Kapitel eins beginne ich zu ahnen, wie Kapitel zwei aussehen könnte. Kapitel zwei führt mich zu drei . . . und allmählich beginne ich zu sehen, wohin die Handlung läuft. STANDARD: Sie beginnen also ohne jedes Konzept und ohne Mörder? Donna Leon : Das klingt vielleicht merkwürdig. Aber es funktioniert. Jetzt schon 13 Bücher lang. Daher wissen auch die Leser nie, wohin die Handlung führt. Nicht aufgrund kunstvoller Irreführung meinerseits. Ich weiß schlicht nicht, wer der Mörder sein wird. Also kann ich vorher keine Hinweise einstreuen. Lucky me! STANDARD: Lesen Sie selbst Kriminalromane? Donna Leon : Nein. Mit Ausnahme von Frances Fyfield und Ruth Rendell lese ich Krimis nur, wenn man mich dafür bezahlt. Ruth Rendell ist die Beste. Ihre Analyse sozialer Zusammenhänge ist sehr genau, ihr Verständnis der menschlichen Natur ist noch schwärzer als meines. Außerdem schreibt sie traumhaft gut. Ihre Bücher sind weit mehr als Krimis. Sie sind sozialkritische Romane. STANDARD: Ruth Rendell schreibt als Barbara Vine zudem Romane jenseits des reinen Krimi-Genres, in denen sie auf ihren Kommissar Wexford verzichtet. Haben Sie auch an eine solche Möglichkeit gedacht? Donna Leon : Nein. Ich bin eine Handwerkerin. Verlangen Sie also keine Literatur von mir. Ich weiß, was ich mache, und ich weiß, wie ich das mache. Mehr habe ich nicht vor. STANDARD: Ihre Bücher erscheinen nahezu in der ganzen Welt, von China bis Finnland. Nur nicht in Italien. Weshalb eigentlich? Donna Leon : Die Antwort ist sehr simpel. Ich möchte nicht an einem Ort leben, wo ich berühmt bin. STANDARD: Aber Sie sind berühmt. Ein Popstar der Kriminalliteratur. Donna Leon : Eben nicht in Italien. Dort kann ich ein absolut normales Leben führen. Glauben Sie mir, das ist keine falsche Bescheidenheit. Es ist natürlich sehr schmeichelhaft, aber ziemlich lästig, berühmt zu sein. STANDARD: Seit über zwanzig Jahren leben Sie in Italien, sind mit 23 aus den USA fortgegangen und betonen immer, Amerikanerin zu sein, aber nicht dorthin zurück zu wollen. Was ist so unerträglich für Sie in den USA? Donna Leon : Die Vulgarität der amerikanischen Kultur, des Fernsehens, der Filme, der Bücher. Und die Politik. Vor einigen Tagen wurde der Homeland Security Act verabschiedet: Nichtamerikaner können verhaftet werden allein auf den Verdacht hin, Terrorismus zu unterstützen. Sie erhalten keinen Rechtsanwalt und werden vor einem Militärgericht verurteilt. Und die Regierung kann sie so lange ins Gefängnis stecken, wie sie will. Für Ausländer gibt es in Amerika keine Redefreiheit mehr. STANDARD: Aber ist es mit Berlusconi in Italien besser? Immerhin beherrscht er alle Fernsehsender. Wenn auch nicht die Redefreiheit, die Meinungsbildungsfreiheit ist sicher eingeschränkt. Donna Leon : Manchmal im Hotel schaue ich CNN. Aus meiner politischen Perspektive ist CNN ein Werkzeug des CIA. Für mich heißt CNN politische Desinformation durch die Regierung. So konservativ, so verlogen. - In Amerika gilt CNN dagegen als eine radikale, fast schon kommunistische Informationsquelle. Der Sender ist wegen seiner Radikalität suspekt. - Jeder in Italien macht sich verrückt, weil Berlusconi das Fernsehen in der Hand hat. Keiner aber wird nervös wegen Amerika. Wo das Fernsehen ausschließlich in den Händen des Big Business liegt. Und nicht weniger propagandistisch agiert als Berlusconi. STANDARD: Aber es gibt viele Kanäle ... Donna Leon : ... die aber alle dasselbe sagen. Wenn CNN schon als linksradikal gilt. Nein, ich fahre nicht mehr dort hin. Nicht einmal für ein paar Tage. STANDARD: Sie greifen immer wieder Korruption und andere Misstände in Ihren Krimis auf. Werden also Bush oder Berlusconi in Ihren nächsten Büchern auftauchen? Donna Leon : Nein. Das ist nicht mein Job. Zu diesem Zweck schreibe ich Essays. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2002)