Wien - Vor zwei Wochen hätte im Wiener Landesgericht einem früheren Spitzenfunktionär der NDP der Prozess gemacht werden sollen: Alfred B. (67) fungierte als Herausgeber der Postille "Die Republikaner - Parteiblatt der Bewegung", die mit antisemitischen, ausländerfeindlichen und rassistischen Parolen die Staatsanwaltschaft Wien auf den Plan rief. Alfred B. wurde nach dem Verbotsgesetz wegen NS-Wiederbetätigung angeklagt, ließ seine Verhandlung vor einem Schwurgericht allerdings wegen einer angeblichen Herz-Kreislauferkrankung per Fax kurzfristig platzen. Als Richter Friedrich Zeilinger diese Behauptung von einem Amtsarzt nachprüfen lassen wollte, musste er zur Kenntnis nehmen, dass der Mann an der von ihm angegebenen Anschrift nicht anzutreffen war. Von ihm fehlte jede Spur. Mehrere Versuche der Polizei, des 67-Jährigen habhaft zu werden, schlugen fehl. Zeilinger hat seit zwei Wochen weder vom Angeklagten noch dessen Verteidiger etwas gehört. Daher hat er bereits am vergangenen Montag auf Antrag der Staatsanwaltschaft Wien einen Haftbefehl erlassen. Begründung: Fluchtgefahr. Der Richter fühlt sich von Alfred B. "gepflanzt", wie er heute, Freitag, im Gespräch mit der APA deutlich machte. Und er wundert sich, "weshalb es so lange gedauert hat, bis das Ganze überhaupt ins Anklagestadium gekommen ist". Immerhin war der erste inkriminierte Artikel schon im Jänner 1990 erschienen. Nach entsprechenden Anzeigen zog sich das Vorverfahren über zehn Jahre hin, ehe die Staatsanwaltschaft Wien im Mai 2002 ihre umfangreiche Anklageschrift einbrachte. Der Mann war zunächst nicht greifbar gewesen, dann angeblich immer wieder erkrankt, Ladungen konnten ihm nicht zugestellt werden, so dass er jahrelang zur so genannten Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben war. Dies, obwohl man seine offizielle Privatadresse in Wien-Penzing längst kannte, "an der er nur äußerst selten bis nie anzutreffen ist", wie Zeilinger jetzt erläuterte. Die Frage, ob es nicht schon damals zweckmäßig gewesen wäre, einen Haftbefehl zu erlassen, wollte der Richter nicht beantworten. Dafür wäre ein entsprechendes Ersuchen der Anklagebehörde an den zuständigen U-Richter nötig gewesen. Er habe jedenfalls "umgehendst" auf den offensichtlichen Versuch des 67-Jährigen reagiert, sich den Fängen der Justiz zu entziehen, schloss Zeilinger. Faktum ist: Der momentane Aufenthaltsort von Alfred B. ist unbekannt. Er gilt als untergetaucht. Die Justiz hofft, dass ihn das mit der Ausforschung betraute Wien Kriminalkommissariat West bald finden wird.(APA)