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Die führenden bulgarischen Kreise warteten auf eine günstige Gelegenheit, Revanche an den benachbarten Balkanstaaten zu nehmen und Makedonien doch noch für ihr Land gewinnen zu können. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs schien eine solche Chance zu bieten. Allerdings war man unschlüssig, auf wessen Seite man in den Krieg eintreten sollte. Das liberale Koalitionskabinett unter Ministerpräsident Vassil Radoslavov und König Ferdinand neigten zum Deutschen Reich; die stärkste Oppositionspartei, die Bauernpartei, mit ihrem Führer Aleksandar Stambolijski, waren für ein Bündnis mit Russland und der Entente. Der Vormarsch der Deutschen in Frankreich und Russland und die missglückte Dardanellenaktion der Alliierten gaben der deutschfreundlichen Partei die Oberhand. Im August 1915 wurde mit dem Reich ein Vertrag geschlossen, in dem Bulgarien als Bündnispartner serbische, griechische und rumänische Gebiete versprochen wurden. Die Türkei, schon im Krieg an der Seite der Mittelmächte, wurde bewogen, den Bulgaren einen Gebietsstreifen längs der Mariza abzutreten. Am 14. Oktober 1915 erklärte Bulgarien Serbien den Krieg; die Reaktion der Alliierten darauf war die Kriegserklärung an Bulgarien. Der ententefreundliche Stambolijski protestierte und wurde in Haft gesetzt. Die bulgarischen Truppen marschierten zur Unterstützung der Österreicher und Deutschen, denen die Serben harten Widerstand entgegengesetzt hatten, in Südserbien ein. Wieder einmal entschied sich auf dem Amselfeld (Kosovo polje) das Schicksal der serbischen Armee, sie wurde vernichtend geschlagen, ihre Reste flüchteten nach Albanien. Die Ententetruppen, die die Bulgaren aus dem serbischen Teil Makedoniens vertreiben wollten, mussten sich über die griechische Grenze zurückziehen. An dieser erstarrte der Kampf zum jahrelangen, opferreichen Stellungskrieg. Im Herbst 1916 wurde Bulgarien auch in den Krieg gegen Rumänien, einen neuen Gegner der Mittelmächte, hineingezogen. Die bulgarischen Truppen eroberten im Kampf gegen Rumänen und Russen die gesamte Dobrudscha. Im Frieden von Bukarest (7. Mai 1918) mussten die Rumänen nicht nur Silistra an Bulgarien zurückgeben, sondern diesem das gesamte Gebiet östlich der Donau bis zum Delta abtreten. Der Siegesrausch der Bulgaren war von kurzer Dauer. Der Zweifrontenkrieg hatte die Truppen ausgeblutet. Im Gefolge der Russischen Revolution bildeten sich Antikriegskomitees. Die von Anfang an gegen jede Kriegsbeteiligung gerichtete Agitation der "Engsozialisten", wie die BSDAP (Bulgarische Sozialdemokratische Arbeiterpartei) nach ihrer 1903 erfolgten Abspaltung von den "Weitsozialisten" genannt wurde, fiel zunehmend auf fruchtbaren Boden. Mitte September 1918 starteten die Ententetruppen einen Großangriff auf die bulgarische Südfront. In Makedonien gelang ihnen der Durchbruch. Eine 100.000 Mann zählende bulgarische Armee wurde eingeschlossen, die Mittelmächte konnten keine Entlastungsoffensive mehr durchführen. Unter den Truppen kam es zu einem Aufstand; zusammen mit Bauernbundabgeordneten riefen die Aufständischen in Radomir die Republik aus; ihr Zug nach Sofia aber wurde von regierungstreuen Truppen gestoppt. Inzwischen hatten Waffenstillstandsverhandlungen in Saloniki begonnen; am 29. September erklärte sich Bulgarien bereit, seine Soldaten hinter die alten Grenzen zurückzuziehen. Zar Ferdinand musste auf Verlangen der Entente zurücktreten; ihm folgte sein Sohn Boris, mit der Beifügung III., womit die Kontinuität zu den Herrschern des mittelalterlichen Reiches betont wurde. Alliierte Truppen besetzten des Land und unterdrückten Unruhen der Engsozialisten, die sich seit Mai 1919 Bulgarische Kommunistische Partei (BKP) nannten. Die Wahlen vom August 1919 brachten einen Linksruck: der Bulgarische Bauernbund wurde stärkste Kraft, Aleksandar Stambolijski neuer Ministerpräsident. Ihm oblag die traurige Aufgabe, am 27. November 1919 den Friedensvertrag von Neuilly zu unterzeichnen, der ohne Beteiligung Bulgariens ausgearbeitet worden war und deshalb als Diktat betrachtet wurde. Bulgarien musste die im Zweiten Balkankrieg erfolgte Abtretung der Süddobrudscha an Rumänien bestätigen. Jugoslawien bekam drei Gebietsstreifen an der Ostgrenze. Der schwerste Verlust traf die Besiegten zu Gunsten Griechenlands: Bulgarien verlor das westthrakische Küstenland und damit den Zugang zur Ägäis mit dem Hafen Dedeagatsch/Alexandroupolis. Die Sobranje-Wahlen vom Mai 1920 brachten dem Bauernbund einen Erdrutschsieg; Stambolijski konnte nun ohne andere Parteien regieren. Die Regierung setzte eine Reihe von Reformgesetzen durch, vor allem eine Bodenreform, durch die der private Grundbesitz von mehr als 30 Hektar gegen Entschädigung enteignet wurde. Städtischer Immobilienbesitz konnte für staatliche und öffentliche Zwecke enteignet werden. Die Bauernregierung war auch um Ausgleich mit den Nachbarn bemüht. Indessen bereiteten chauvinistische Geheimorganisationen mit Verbindungsfäden zu den legalen großbürgerlichen Parteien den Sturz des Bauernregimes vor. Die Vertreter der IMRO warfen Stambolijski seine Annäherungspolitik gegenüber Jugoslawien - das die Makedonier kurzerhand zu "Südserben" erklärt hatte - vor. Großgrundbesitzer und die Großbourgeoisie verwarfen sein Reformprogramm. Am 9. Juni 1923 kam es - im stillen Einverständnis mit Zar Boris - zu einem Offiziersputsch. Stambolijski wurde erschossen, der rechtsradikale Professor Aleksandar Cankov (Zankoff) wurde als Führer des Bürgerblocks "Demokratische Eintracht" neuer Premier. Obwohl die Kommunistische Partei sich - später von ihren Führern als schwerer Fehler einbekannt - für "Neutralität" in dem Konflikt zwischen Bauernbund und Reaktion entschieden hatte, wandte sich die Regierung Cankov sofort gegen sie. KP-Funktionäre wurden verhaftet und ermordet. Die bürgerliche Presse verlangte ein Verbot der KP. Giorgi Dimitrov rief in den Publikationen der Partei zum "Kampf gegen den Faschismus" auf. Das Zentralkomitee der KP beschloss den allgemeinen Aufstand. In der Nacht vom 22. zum 23. September 1923 begann an vielen Orten die Erhebung der Kommunisten. Dann aber gewannen die Regierungstruppen und die faschistischen Freischärler die Oberhand, der "weiße Terror" wütete vor allem unter der Arbeiterschaft und den armen Bauern; man spricht von rund 20.000 Opfern. Die Bauernpartei und die Kommunistische Partei wurden verboten, über das Land wurde der Ausnahmezustand verhängt. Die in die Illegalität gedrängte KP verständigte sich mit der Makedonischen Organisation und machte die Befreiung Makedoniens mit Unterstützung Sowjetrusslands zu ihrem Programmpunkt. Ein Teil der illegalen Linken setzte nun auf Terrorismus; der blutigste Bombenanschlag, eigentlich gegen den Zaren gerichtet, erfolgte am 16. April 1925 in der Sofioter Nedelja-Kirche. Es gab an die 200 Todesopfer, Boris III. aber war nicht in der Kirche. Eine neue Verfolgungswelle, die auch internationale Proteste auslöste, war die Folge. Erst als 1926 der Makedonier Andrej Ljaptschev die Regierungsgeschäfte übernahm, normalisierte sich die Lage allmählich. Nun wurden die Bauernpartei und auch eine neue Arbeiterpartei wieder zugelassen. Cankov, in die Opposition gedrängt, gründete 1932 die offen faschistische "Nationalsoziale Bewegung". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 11./1.12 2002)