DDie Frage nach der Zeit ist erst einmal ein Symptom der Langeweile und wer traurig ist und müde, sagt gerne: "Ach, was ist die Zeit!" Die Mitglieder der antiken Schulen der Philosophie und andere Spaziergänger zeichneten sich dadurch aus, dass sie allesamt wenig zu tun und überhaupt viel Zeit hatten. Wenn die akademische Diskussion sich also in stets anschwellender Intensität des Götterthemas Zeit annimmt, so hat das seine zwingenden Gründe. Denn die Akademie ist eine Zeitmaschine par excellence. Vorne steckt man Geld und junge Menschen hinein, und hinten kommt Zeit heraus.Wer die Zeit erforscht, erforscht immer schon die Bedingungen der Möglichkeit seines Forschens. An den Fransen der Kosmologie entstand irgendwann die leise, aber aufregende Ahnung, dass das Universum gerade so schnell zerplatzen muss, dass uns vor dem endgültigen Wärmetod zumindest genügend Zeit bleibt, über die Zeit nachzudenken. Die Geschichtsphilosophie kam zu ähnlicher Einsicht: Wenn in der Geschichte auch sonst keinerlei Gesetze auszumachen sind, so muss doch zumindest feststehen, dass man als Ziel der Geschichte die wissenschaftliche Geschichtsschreibung selbst anzusetzen hat. Das sind alles sehr undurchsichtige Zusammenhänge. Gar nicht zu sprechen von den Verlegenheiten, in die man durch die Frage gerät, was die Zeit an sich oder ohne uns wäre. Für das Verständnis der Zeit scheint es also vorerst besser, kein Philosoph oder Physiker zu sein. Denn das Wesen der Zeit eröffnet sich uns nicht dadurch, dass wir ins unaufhellbar Dunkle einer bloßen Dimension starren, sondern vorzüglich in der ornamentalen Oberfläche des Anekdotischen. Robert Levine ist nun dieser Anekdotiker der Zeit, der uns anhand von einer Million Schnurren unser eigenes Zeitempfinden entfremdet und uns der Zeit selbst ein wenig näher bringt. Dass er dabei auch Sozialpsychologe ist, schadet nicht. Denn in seinen empirischen Erhebungen über das Verhältnis zur Zeit in 31 verschiedenen Ländern hat er gelernt, dass die abendländische Pünktlichkeit des Denkens oft den Punkt verfehlt. In Brasilien gelten unpünktliche Menschen gemeinhin als überaus erfolgreich - ganz den Tatsachen entsprechend, nur dass die Unpünktlichkeit nicht Grund des Erfolges, sondern dessen Konsequenz ist. Die Kapauku auf Papua Neuguinea meinen, dass es nicht gut sei, an zwei aufeinander folgenden Tagen zu arbeiten. Die Kung-Buschmänner arbeiten überhaupt nur zweieinhalb Tage pro Woche und die Bauersfrauen in den Zwanzigerjahren verwendeten deutlich weniger Zeit auf die Hausarbeit als die moderne Hausfrau mit ihrem "Maschinenpark". Das durchschnittliche Großstadtkind läuft wirklich beinahe doppelt so schnell durch den Supermarkt als das Kleinstadtkind. Übergewichtige schätzen die Zeitdauer präziser als Normalgewichtige und Konsumenten schwerer Drogen präziser als Konsumenten weicher Drogen. So sprudelt es bei Levine dahin. Alles zusammengehalten von der wahrscheinlichen These, dass "Zeitstrukturen an den Schnittpunkten eines riesigen Netzes von kulturellen Eigenheiten liegen. Sie prägen die gesamte Persönlichkeit eines Ortes." Die wunderbarste Uhr jedenfalls hatten die alten Chinesen. In kleinen Kistchen verbrannten sie der Reihe nach gewogene Häufchen Räucherpulver und wer die Reihenfolge der Aromen kannte, konnte die Zeit am Duft erkennen. So lebte der höfische Chinese nicht beiläufig in der nackten Zeit der Notwendigkeit, sondern er war getränkt in Uhrzeit. Auch die Eingeborene im Andaman-Urwald brauchen keinen Kalender. Sie richten sich nach den stärksten Gerüchen der Bäume und Blumen, um zu wissen, wann zu sähen und wann zu ernten ist. Wir stellen fest, dass Duft und Zeit viel gemein haben. Beide sind genauso mächtig wie flüchtig. Und die Frage nach der Objektivität der Zeit, die Frage also, was die Zeit "in echt" ist, ist für einen lebendigen Menschen genauso abgeschmackt wie die Frage danach, was Rosenduft denn unabhängig vom Riechen wäre. (Christoph Kletzer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 11./1.12 2002)