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Eine Antiterroreinheit im Übungseinsatz. Nach dem Moskauer Geiseldrama, bei dem 129 Unschuldige - die meisten durch Gaseinwirkung - ums Leben kamen, werden solche Bilder von den russischen Behörden verstärkt in Umlauf gebracht.

Foto: REUTERS/Victor Korotayev
Manch einer schaute dieser Tage betreten im "Moskauer Komponistenhaus". Wo sonst Avantgarde ertönt, erschallte plötzlich ein Dankeslied an den Inlandsgeheimdienst FSB dafür, "dass er uns beschützt". Ein anderer Künstler schrieb den Kampf gegen den Terrorismus gleich programmatisch über sein Werk: "Den Terroristen töten." Der Kreml hat die Geiselnahme umgehend zum Anlass einer schärferen Gangart in Tschetschenien genommen. Obwohl Rache jetzt laut der Zeitung Nesawissimaja Gaseta "der fatalste Fehler wäre", hat eine neue Welle von "Säuberungen" durch russische Todesschwadronen die Kaukasusrepublik und selbst die Flüchtlingslager im angrenzenden Inguschetien erfasst. 300 Flüchtlinge haben mittlerweile offiziell um Asyl in Kasachstan angesucht. Kontrolle ausgeweitet Politische Personalrochaden in Tschetschenien deuten darauf hin, dass Moskau seine Kontrolle über die entscheidenden Agenden und Geldflüsse entgegen einer angekündigten "Tschetschenisierung" ausweitet. Weil man nicht auf eine Verhandlungslösung abzielt, wurde der tschetschenische Präsident Aslan Maschadow gezielt diskreditiert und sein Stellvertreter Achmad Sakajew, der sich eindeutig von den Geiselnehmern distanziert hat, aufgrund eines von Russland ausgestellten internationalen Haftbefehls in Dänemark festgenommen. Dass Dänemark einen Tschetschenen-Kongress erlaubte, ahndete man mit Restriktionen beim Import dänischer Waren. Und als Studiogäste im tatarischen Fernsehen zum Frieden in Tschetschenien aufriefen, erzwang Moskau den Rücktritt des Sendechefs. Laut einer Umfrage unterstützen zwei Drittel der Russen die verschärfte Politik in Tschetschenien. Im gesellschaftlichen Klima zeigt sich dies auch landesweit. Die Feindseligkeiten gegenüber Tschetschenen und anderen Personen "kaukasischen Aussehens", wie man in Russland sagt, haben einen neuen Höhepunkt erreicht. Aus dem Komitee "Bürgerhilfe" verlautet, dass tschetschenische Kinder aus Schulen entlassen und Erwachsene nach der Geiselnahme zur Kündigung ihres Arbeitsplatzes "überredet" werden. Um die neue politische Korrektheit zu wahren, verlegt man das Kündigungsdatum vor den 23. Oktober. Die Zeitung Nowaja Gaseta berichtete kürzlich davon, dass eine Musiklehrerin auf Anraten des Kulturamtes einem tschetschenischen Mädchen keine Privatstunden mehr erteilen durfte. In Moskau leben an die 100.000 Tschetschenen. Halb Moskau ist laut einer Umfrage für deren Deportation. Dunkelhäutigen Untermietern wird aus "Rücksicht auf die Nachbarn" ein Wohnungswechsel nahegelegt. Nach dem Geiseldrama wurden Tausende Wohnungsdurchsuchungen und polizeiliche Vernehmungen vielfach ohne Rechtsgrundlage durchgeführt. "Seit dem 24. Oktober hat die Zahl der Beschwerden bei Menschenrechtsorganisationen ständig zugenommen", weiß Swetlana Gannuschkina vom Komitee "Bürgerhilfe". Das undurchsichtige Krisenmanagement der Geiselbefreiung setzte sich im letzten Monat in russischer Art fort: Nur unter ferner liefen berichtet die Zeitung Nowaja Gaseta, dass den Geheimdiensten sogleich umgerechnet 100 Millionen Euro mehr zugesprochen wurden. Wenige verwundert, dass niemand im Sicherheitsapparat wegen der hohen Opferzahl unter den Geiseln infolge des Gaseinsatzes bei der Befreiung - sie ist inzwischen auf 129 gestiegen - den Hut nehmen musste. Das Parlament seinerseits weigerte sich, wie schon beim "Kursk"-Unglück, eine eigene Untersuchungskommission einzusetzen. Dafür haben Volksvertreter gesetzlich verboten, tote mutmaßliche Terroristen künftig den Verwandten zu übergeben beziehungsweise die Grabstätte mitzuteilen. Und aus den Emotionen des Anlasses heraus wurden gleich einige Abänderungen zum Mediengesetz beschlossen, die die Berichterstattung über Krisensituationen wesentlich einschränken soll. Präsident Wladimir Putin hat allerdings auf Intervention von Medienvertretern mit seinem Veto die Überarbeitung der Novelle verlangt. Der Vorwurf an die Medien, inadäquat über die Tragödie berichtet zu haben, bleibt. Bei der Zeitung Wersija wurde, nach Vermutung der Journalisten aus Angst vor einer weiteren Aufhellung des Informationsdunkels, die Redaktion durchsucht. Und selbst dem deutschen Fernsehsender ARD gegenüber stellte man infrage, "ob die Zusammenarbeit russischer Stellen mit der ARD vor Ort in gewohntem Maße fortgesetzt werden kann". Sie werde davon abhängen, "wie die weitere Berichterstattung ausfällt".(DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2002)