Es ist wahrlich nicht die erste Zerreißprobe, die die FPÖ in ihrer Geschichte zu bestehen hat. Aber eine entscheidende für Jörg Haider. Gleichgültig, ob er sich jetzt noch einmal durchsetzt oder nicht: Seine Ära ist wohl spätestens 2004 - nach Auslaufen der Kärntner Legislaturperiode -, aber voraussichtlich schon früher zu Ende. Die FPÖ ist im Nationalrat mittlerweile auf denselben Mandatsstand zurückgefallen, den sie 1986 erreichte, nachdem Haider Parteiobmann geworden war, die rot-blaue Koalition gesprengt und Neuwahlen erzwungen hatte. Mithilfe seines jetzigen Widersachers Norbert Gugerbauer stürzte er Norbert Steger und leitete einen der vielen Kurswechsel der Partei ein. Aus dem ehemals liberal-nationalen Lager wurde eine populistische Protestpartei, die aufgrund stetigen Wachstums immer mehr Funktionen zu vergeben hatte, was entsprechenden (nicht immer seriösen) Zulauf erzeugte. Egomane Haider vertrieb sämtliche Weggefährten, die sein Alleinherrschertum gefährdeten. Heide Schmidt spaltete sich 1993 nach links ab - eine schwere Krise, die Haider aber überwand.Einem Teil der jetzigen FP-Regierungsmannschaft war schon länger klar, dass der geltungssüchtige und immer irrationaler agierende Kärntner Landeshauptmann zum Hinkelstein eines vernünftigen Regierungskurses geworden war, konnte sich aber keine Mehrheit in der zum dumpfen Haider-Wahlverein mutierten Partei beschaffen. Wolfgang Schüssels Wahl-Coup hat den Popstar-Nimbus Haiders nun endgültig gebrochen. Aber der "Verrat" an der Vaterfigur und die Suche nach neuen Inhalten fällt den Freiheitlichen schwer. Wofür die in den Siebzigerjahren europafreundliche Partei steht, ist völlig unklar. Im Grunde muss sie sich neu gründen wie 1956, als aus dem damaligen VDU die Freiheitliche Partei wurde. Das ist ein krisenhafter Prozess, der sicher noch längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Ein ernsthafter Koalitionspartner ist die FPÖ nicht.(DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2002)