Wer nach dem Rücktritt der Regierung Schüssel I im September über eine Koalition zwischen ÖVP und den Grünen als eine mögliche Regierungsoption nach den Wahlen nachdachte, wurde ausgelacht. Angesichts des erwarteten Wahlsieges von Rot-Grün glaubte man darauf verzichten zu können, andere Konstellationen auch nur in Erwägung zu ziehen. In einem Anfall von vorauseilender strategischer Dummheit hatten sich die Grünen auf die SPÖ als einzig möglichen Koalitionspartner festgelegt, ungeachtet der inhaltliche Differenzen und ungeachtet der demütigenden Äußerungen von Genossen, für die eine Koalition mit den Grünen keineswegs eine ausgemachte Sache war. Als der Wahlsonntag diese Koalitionsspiele mit einem Schlag Makulatur werden ließ, erlebte man eine vollkommen verwirrte grüne Partei, die, anstatt die Gunst der Stunde zu nutzen, in einem zweiten Anfall strategischer Dummheit eine Koalition mit der ÖVP kategorisch ausschloss. Erst nachdem von Erhard Busek bis Ariel Muzicant gewichtige Stimmen in Schwarz-Grün durchaus eine Möglichkeit sehen, wagen es auch bei den Grünen einige, wenigstens "Gespräche" mit dem Wahlsieger in Erwägung zu ziehen. Das "Projekt" . . . Was bei einer Partei, die sich einstens als Alternative darstellte, vorab verblüfft, ist die generelle Unfähigkeit, in Alternativen zu denken. Dass man offensichtlich überhaupt nicht damit gerechnet hatte, nach den Wahlen in der Situation zu sein, in der man sich nun befindet, hat wohl weniger mit ideologischer Standfestigkeit als vielmehr mit Unprofessionalität zu tun. Nicht nur gute Generäle sollten Konzepte für alle möglichen Szenarien in der Schublade haben. Dabei hätte man sich die Peinlichkeiten der letzten Tage leicht ersparen können. Denn das Gesetz des Handelns liegt ohnehin nicht bei den Grünen, sondern einzig bei Wolfgang Schüssel. Es hätte genügt zu signalisieren, dass bei einem seriösen Angebot vonseiten der ÖVP die Grünen dieses Angebot prüfen und bei günstiger Beurteilung in Koalitionsverhandlungen eintreten würden. Ob die Bedingungen eines Regierungseintritts dann akzeptabel gewesen wären, hätte sich in den Verhandlungen wahrscheinlich schnell klären lassen. Solch eine Position mit dem Hinweis abzuschmettern, man sei nicht der Mehrheitsbeschaffer für die ÖVP und das Wahlergebnis sei kein Auftrag zur Regierungsbeteiligung, ist hanebüchen. Hätte statt der ÖVP die SPÖ 42 Prozent der Stimmen errungen, wären die Grünen selbstverständlich liebend gern in die Regierung eingetreten und hätten den Mehrheitsbeschaffer gemacht. . . . als Phrase? Die spezifische Konstellation nach diesen Wahlen hat den Grünen eine interessante Chance offeriert: Eine Fortführung der Koalition mit der dezimierten und derangierten FPÖ stößt trotz des peinlichen flehentlichen Winselns von Herbert Haupt wohl auch bei jenen Kreisen in die ÖVP auf Skepsis, die in Schwarz-Blau den besten Rahmen gesehen hätten, um ihre Ziele auf dem einfachsten Weg fort- und durchzusetzen. Die große Koalition bleibt, in welcher Variante auch immer, ein Hemmschuh der demokratiepolitischen Entwicklung. Gäbe es bei den Grünen ein halbwegs elaboriertes politisches Bewusstsein und einen Funken von Machtinstinkt, hätten sie diese Chance sofort erkennen müssen. Dass diese Chance - nach Maßgabe der Möglichkeiten - im Sinne eines grünen Projekts zu nutzen gewesen wäre, versteht sich. Zu befürchten ist, dass der kopflose Eindruck der grünen Mandatare deshalb entsteht, weil es dieses Projekt schon längst nicht mehr gibt und an dessen Stelle jene Phrase getreten ist, die es einem verbietet, jenen Prinzipien, die man nie hatte, untreu zu werden. Wer schon vor allen denkbaren Verhandlungen eine sichtbare Angst signalisiert, seine Interessen und Positionen nicht angemessen durchsetzen zu können, demonstriert damit jene personelle und programmatische Schwäche, die das Wahlergebnis nachträglich legitimiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2002)