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Hermann Gerharter wird der Weg gewiesen - und der führt nicht ins Gefängnis.

foto: apa/artinger
Wien - Am Schluss sagte der Verurteilte: "Einer muss immer der Teschek sein." Knapp eine Stunde vorher. Starverteidiger Manfred Ainedter plädiert: "Er wurde zum Fleisch gewordenen Konsum, zum Gottseibeiuns gemacht". Dazwischen sprach Wolfram Massauer, Präsident eines Richtersenates am Obersten Gerichtshof in Wien: "Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen", der Tatbestand der betrügerischen Krida sei erfüllt, die Strafe aber auf 15 Monate herabgesetzt, bedingt. Tessék, sprich: "Teschek", das ungarische Wort für "bitte", steht in Wien seit k.u.k Zeiten substantivisch für den Gutmütigen bis Einfältigen, der zu allem "Bitte, bitte, gnä’ Herr" sagt. Doch zugestehen wollte Gerharter bis zum Schluss wenig, auch wenn er - nach einer Verurteilung wegen fahrlässiger Krida vor zwei Jahren - mittlerweile "die Verantwortung" für die Verschleppung der Insolvenz des Konsum übernimmt, dessen letzter Chef er war. "Ein bisser g´schlampert" In Familiendingen sei man "halt ein bisserl g’schlampert, wenn ich so sagen darf", formulierte der Anwalt. Das sei eine Erklärung dafür, dass Gerharter ein 1984 erworbenes Haus in Gießhübl südlich von Wien - er bezeichnete es einmal als "Herrschaftssitz" - drei Tage vor dem Konsum-Ausgleich auf Frau und Töchter überschreiben ließ. Um das Vermögen Gläubigern zu entziehen, vermutete die Staatsanwaltschaft. Ein zuvor in privater Atmosphäre geführtes einschlägiges Gespräch mit Freund und Wirtschaftsanwalt Hannes Pflaum sei nicht als Beleg für Unrechtsbewusstsein zu werten, sondern als Beweis für das genaue Gegenteil, so der Anwalt. Ein Schöffensenat glaubte das im Juli 2001 nicht und verurteilte Gerharter zu 21 Monaten Haft, davon sechs Monate unbedingt. Abfertigung Ainedter wies am Dienstag darauf hin, dass es keinen Gläubiger mehr gebe. Mit der Nachfolgegesellschaft des Konsum, die heute die "Okay"-Bahnhofsshops betreibt, habe man sich in Sachen Abfertigung noch gestritten. Man einigte sich aber gütlich darauf, dass Gerharter Ende 2000 einen zweistelligen Millionenbetrag in Schilling bekam. "Und dafür genier’ ich mich heute auch nicht - ich habe 25 Jahre für den Konsum gearbeitet und mir nichts zu Schulden kommen lassen." "Ich bin nicht zufrieden" Der Wunsch, man möge ihn seinen "Lebensabend nicht im Gefängnis verbringen lassen", wurde ihm erfüllt. "Hier bedarf es keiner unbedingten Sanktion", so Richter Massauer. Verurteilt bleibt Gerharter aber. "Ich bin nicht zufrieden", sagte er nach Ende des Prozesses vor dem wieder verschlossenen Gerichtssaal. Hermann Gerharter (63), Pensionist, wurde danach von der Familie vor dem Gerichtssaal abgeholt und heimgebracht - nach Gießhübl. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Printausgabe 4.12.2002)