Josef Broukal sagt im Standard über den SPÖ-Wahlkampf, man solle nicht nachkeppeln; die Situation der Partei sei eben schwer gewesen, es habe sich niemand gefunden, der sich als Verkörperung der Wirtschaftskompetenz der Partei zur Verfügung stellen wollte, und überhaupt sei vom Bruch der schwarz-blauen Koalition an klar gewesen, dass rund 500.000 ehemalige FPÖ-Wähler entschlossen seien, zur ÖVP zu wechseln. Das scheint ein Echo jener Meinung zu sein, die man noch während des Wahlkampfes von sehr hoher SP-Stelle hören konnte: Es gäbe eben eine rechte, konservative Mehrheit unter den Menschen dieses unseren schönen Landes, und dagegen könne man praktisch nix machen (siehe meine Kolumne vom 21. 10., in der die Möglichkeit in den Raum gestellt wurde, dass Schüssel die Nr. 1 wird)

Dazu später ein paar Anmerkungen. Entscheidend ist die Frage, ob das Ergebnis dieser Wahl nun eine lang dauernde Hegemonie der ÖVP sein wird, mit allen möglichen positiven und negativen gesellschaftlichen Auswirkungen. Die wichtigsten öffentlichen Positionen hat die Volkspartei inzwischen besetzt, nach den Untersuchungen der beiden bürgerlich-unabhängigen Politologen Fritz Plasser und Peter Ulram ist es ihr aber inzwischen gelungen, aus dem Bauern-Beamte-Gewerbe-Käfig auszubrechen und bei Angestellten, aber auch bei Arbeitern, bei den Jüngeren und bei den Frauen massiv aufzuholen. Der Parteiname "Volkspartei" ist jetzt wieder in ziemlicher Deckung mit der Wählerstruktur.

Das hängt wahrscheinlich mit dem Zeitgeist zusammen - das Gefühl, dass nun Schluss sein müsse mit dem Schuldenmachen und mit der erstarrten, gewerkschaftsbewehrten Wirtschaftspolitik, hat sich offenbar durchgesetzt. Die SPÖ hatte dem nichts entgegenzusetzen. Und hier sei die Anmerkung gestattet: Gusenbauer hatte zweieinhalb Jahre Zeit, eine Persönlichkeit zu finden, die Wirtschaftskompetenz verkörpert. Auf entsprechende Nachfrage hörte man aber immer nur Namen von honorigen, aber im Grunde unpolitischen Experten aus AK und Wifo.

Das zog nicht: vor allem nicht bei jenen früheren SP-Wählern, hauptsächlich zornigen Arbeitern, die aus Frust über "Bonzenprivilegien" und den Jobabbau in der Verstaatlichten in den frühen 90er-Jahren zu Haider überliefen und nun - mangels Angebot - nicht zur SPÖ zurückkehrten, sondern zur ÖVP weitermarschierten.

Übrigens ein Ergebnis von hoher politologischer Signifikanz: dass gestandene Arbeiter zu Haider gehen, der eine Art nationalen Sozialismus vertritt, ist nicht so verwunderlich (und hat historische Entsprechungen); dass sie sich nicht scheuten, die früher als klerikale "Arbeitermörder" verschrieene ÖVP zu wählen, ist beachtlich.

Es zeigt aber auch, dass es eine beachtliche Wählermobilität gibt; was übrigens auch ausländische Beispiele zeigen: Während in Österreich die traditionellen Christdemokraten das Erbe der Rechtspopulisten antreten, dürfte das in den Niederlanden, wo die Koalition aus Christdemokraten und Rechtspopulisten (Pim-Fortuyn-Liste) gleichfalls platzte, nicht der Fall sein. Dort erbt anscheinend die ziemlich linke Sozialistische Partei - gegen Globalisierung, gegen den Irak-Krieg, gegen den Euro - die Proteststimmen.

Die Volkspartei hat jetzt die Chance auf eine längere Vorherrschaft - ob es auch 30 Jahre werden wie bei der SPÖ, ist die Frage. Und es hängt wohl davon ab, wie (und mit wem als Partner) die Volkspartei die kommenden schweren Zeiten - kein Konjunkturaufschwung, Umbauzwang im Sozialstaat - bewältigen kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.12.2002)