Ich war auch einer der naiven Volljährigen. Vier Jahre lang hatte ich im Gestaltungsbeirat der Stadt Salzburg verantwortungsvolle Kulturpolitik zu Gunsten architektonischer und städtebaulicher Qualität erlebt; mit einem engagierten Stadtrat, der uns zuhörte und auch anspruchsvolle Entscheidungen mittrug; mit einer Verwaltung, die immer wieder genaue Formulierungen verlangte und einer Öffentlichkeit, die an Transparenz gewöhnt war. Vertrauensvoll ließ ich mich in ein Beurteilungsgremium wählen, das vom Land Salzburg gebildet worden war - naiv wie ich war. Wir sollten das Kuratorium der Salzburger Festspiele bei seiner Suche nach einem Projekt für den Neubau des kleinen Festspielhauses unterstützen.

Fünf Architekten aus drei Ländern wurden ausgesucht. In kürzester Frist sollten sie ein Projekt für eine außerordentlich anspruchsvolle Aufgabe ausarbeiten. Die Projekte wurden dem Beurteilungsgremium vorgelegt. Es empfahl einstimmig das Projekt der Arbeitsgemeinschaft Hermann & Valentiny/Wimmer-Zaic.

Dann kam aber plötzlich alles anders. Es begann eine für einen Naiven unglaubliche und unfassbare Serie von politischen Machenschaften und Manipulationen.
- Der ehrenwerte Architekt Holzbauer, der nur auf dem zweiten Platz gelandet war, deponierte beim Bundesvergabeamt einen Einspruch gegen das erstplatzierte Projekt. Dabei verfügte er offensichtlich über detaillierte Informationen zum erstplatzierten Projekt, die nur beim Land Salzburg zu finden waren.
- Es wurde vom Vertreter des Landeshauptmanns der Antrag gestellt, wegen der Verstöße der Erstplatzierten den ehrenwerten Architekten auf dem zweiten Platz mit der Bearbeitung des Projektes zu beauftragen, obwohl dessen Projekt auch voll von Verstößen war.
- Nachdem diese Aktion nicht erfolgreich war, wurde eine Neubeurteilung angeordnet und vorgenommen. Damit diese Aktion sicher zu Gunsten des ehrenwerten Architekten ausgehen würde, wurden die "Spielregeln" geändert. Jetzt sollten auch Arbeitsgemeinschaften zwischen den eingeladenen Architekten zulässig sein. Die Erstplatzierten wurden massiv unter Druck gesetzt, sich mit dem ehrenwerten Architekten zusammen zu schließen. Valentiny hat mir gesagt, er hätte in diesem Zusammenhang, unter vielen anderen Pressionen, einen Anruf der Außenministerin seines Heimatlandes Luxemburg erhalten.
- In der Vorprüfung durch das Amt der Landesregierung wurden die nicht eingehaltenen feuerpolizeilichen Vorschriften des ehrenwerten Architekten nicht erwähnt. Das hätte zu einer massiven Reduktion der Sitzplatzzahlen geführt und damit die gerühmte Wirtschaftlichkeit des Projektes zerstört.
- Zur Sicherheit wurde bei der zweiten Beurteilung aus formellen Gründen zuerst einmal das Projekt von Wimmer ausgeschieden, der das Fusionsspiel nicht mitgemacht und ein eigenes Projekt eingegeben hatte.
- Leider führte aber auch die Neubeurteilung durch das Beurteilungsgremium nicht zum "richtigen" Resultat. Dieses empfahl nämlich mit deutlichem Vorsprung das Projekt von Bétrix und Consolascio zur Ausführung. So musste zum sechsten Mal die Trickkiste aktiviert werden. Über ein Gutachten eines Tiefbauingenieurs wurde das Urteil des Beurteilungsgremiums umgestoßen und der ehrenwerte Architekt auf den ersten Platz gesetzt. Im Beurteilungsgremium war kein Tiefbauingenieur vertreten, dafür aber Theaterfachleute, die Vertreter von Stadt und Land, die Sachverständigenkommission für Altstadterhaltung, die Mitglieder des Kuratoriums der Salzburger Festspiele und unabhängige und neutrale Berater.

Der Verlauf des Verfahrens enthält eine Vielzahl von gravierenden Tatbeständen, die mich zutiefst verunsichern:
- Eine demokratisch legitimierte Landesregierung täuscht ein Konkurrenzverfahren vor, lässt vier Architekten zweimal mehrere zehntausend Euros investieren, hat aber von Anfang an die feste Absicht, nur ihren ehrenwerten Freund zu beauftragen. In meinem Rechtsverständnis ist das arglistige Täuschung.
- Sie verwendet dazu ein Verfahren, das in Europa geschaffen wurde, um "mafiose" Praktiken bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen zu verunmöglichen. Damit diskreditiert sie den Kampf gegen die korrupte Verknüpfung von Politik und wirtschaftlichen Interessen und setzt sich selber diesem Vorwurf aus.
- Das Prinzip der Konkurrenzverfahren ist eines der wichtigsten Instrumente, um in der Stadt bei architektonischen und städtebaulichen Aufgaben soziale, ökonomische und kulturelle Qualität entstehen zu lassen. Es ist auch das wichtigste Instrument, um jungen Architekten eine Chance zu geben, sich gegen das ergraute und verfilzte Establishment zu profilieren. So sind in Venedig der Rialto (schon vor mehreren Jahrhunderten), in Paris das Centre Pompidou und in London die neue Tate Gallery entstanden. Das Verfahren um das Salzburger Festspielhaus ist in dieser Sicht eine kulturelle Katastrophe.

Zuletzt eine persönliche Bemerkung. Nach der zweiten Diskreditierung der Teilnehmer und des Beurteilungsgremiums hatte ich eigentlich erwartet, dass dieser Entscheid in Salzburg und Österreich eine öffentliche Diskussion in Gang setzen würde. Als Ausländer fühlte ich mich nicht legitimiert, die politische und kulturelle Situation zu kommentieren. Ich habe jetzt diesen Beitrag trotzdem geschrieben, weil ich den Eindruck hatte, dass dieser erschreckende Vorgang bei vielen meiner österreichischen Freunde gar nicht wahrgenommen worden ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.12.2002)