London/Wien - In Großbritannien könnte weltweit zum ersten Mal eine gewagte Behandlung gegen die vermutlich durch die BSE-Erreger ausgelöste neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (vCJD) zur Anwendung kommen.Der Londoner High Court sollte laut BBC Freitag entscheiden, ob es rechtlich und ethisch vertretbar ist, die experimentelle Therapie bei zwei Jugendlichen einzuleiten. Über Chancen und Risken des infrage kommenden Medikamentes gibt es nämlich noch keine ausreichenden Studien - nicht im Zusammenhang mit vCJD. Auch wenn das Gericht noch Freitag zu einer Entscheidung gekommen sein sollte, werde diese frühestens in zwei Wochen öffentlich bekannt gegeben. Mediziner sind jedoch optimistisch, rechnen mit einer Zustimmung - und bei einer Wirksamkeit der Therapie mit einem sensationellen Durchbruch. Denn bis heute gibt es keine Behandlung gegen die tödliche Krankheit. Das Mittel für das Experiment nennt sich "Pentosan Polysulfat" und wird in den USA gegen Blasenentzündungen eingesetzt. In Großbritannien ist es nicht zugelassen. Bereits gegen Ende der 90er-Jahre fanden Wissenschafter in Laborversuchen an Mäusen heraus, dass das Mittel die Gefahr einer BSE-Ansteckung stark senkt. Entsprechende Forschungen mit dem Medikament an Menschen waren bisher aber sehr spärlich. Wenige Studien lassen die vage Vermutung zu, dass Pentosan bei jenen Patienten wirkt, die sich zwar mit den vCJD auslösenden Prionen (siehe Grafik) infiziert haben, bei denen sich aber noch keine klinischen Symptome der Krankheit zeigen. Die Arznei soll jedoch einem 15-jährigen Mädchen und einem 18-jährigen Burschen verabreicht werden, die bereits im Endstadium der Krankheit sind - deren Eltern sehen im Medikament die letzte Hoffnung für ihre Kinder, fanden bereitwillige Ärzte, die sich jedoch rechtlich absichern wollen. Pentosan soll sich an die krankheitserregenden Prionen binden und diese daran hindern, gesunde, im Organismus vorhandene Prionen zu infektiösen Eiweißen umzubauen - also die tödliche Kettenreaktion stoppen. Das Problem: Die Molekülstruktur der Arznei ist zu groß, um die Blut-Hirn-Schranke zu passieren. Sie muss direkt ins Gehirn gespritzt werden. Ob und wie es auf diesem Weg wirkt, ist unklar. Auch über die zu spritzende Menge herrscht Unklarheit. (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8 .12. 2002)