Das Auftauchen eines neuen Ölteppichs dort, wo die "Prestige" untergegangen ist, hat Experten in ihrer Meinung bestätigt, das in den Tanks verbliebene Schweröl habe sich nicht - wie von der spanischen Regierung vorhergesagt - verfestigt, sondern laufe aus. Die Ölpest hat sich während des Wochenendes auf die gesamte Küste Galicens ausgebreitet und Nordportugal und den Golf von Biskaya erreicht. Die französische Regierung hat Kräfte zur Bekämpfung der drohenden Ölpest mobilisiert.

Aufnahmen der beiden Schiffsteile, die ein französisches U-Boot in 3500 Metern Tiefe machte, zeigen Risse im Schiffskörper, durch die Erdöl ungehindert austritt (DER STANDARD berichtete). Sollten alle rund 50.000 Tonnen Schweröl frei werden, droht eine der größten Umweltkatastrophen der Schifffahrt. Es werden Möglichkeiten erörtert, das Öl am Auslaufen zu hindern; die Vorschläge reichen vom Auspumpen der Tanks bis zum "Überstülpen" eines Betonmantels.

Am Samstag lief in Galicien eine große Säuberungsaktion bereits kontaminierter Strände an: Freiwillige aus ganz Spanien kamen, um die Einheimischen dabei zu unterstützen, die Strände vom Ölschlamm zu säubern. Soldaten sorgten für Unterkünfte und Verpflegung.

Dennoch machte sich unter den Helfern Mutlosigkeit breit, da immer neue Ölwellen alle Anstrengungen zunichte machen. Auch Klagen über mangelnde Hilfsmittel und fehlende Koordination wurden laut.

Drei Wochen, nachdem der Kapitän der "Prestige" ein Leck gemeldet hatte, berief Premierminister Aznar am Samstag die zuständigen Minister zum ersten Krisengipfel. Der von der sozialistischen Opposition erhobene Vorwurf, die Regierung habe spät und falsch auf das Tankerunglück reagiert, wurde zurückgewiesen. Premier Aznar nannte das Verhalten von Sozialisten-Chef Rodríguez Zapatero, der im Parlament Aufklärung verlangt hatte, "unsolidarisch und zutiefst unverantwortlich".

Im Beraterkreis Aznars spricht man von "einer Art Naturkatastrophe", die nicht vorhersehbar war. Aznar wies jede Kritik an der Entscheidung zurück, die "Prestige" aufs offene Meer zu schleppen, und beharrte auf seinem Entschluss, die betroffene Region nicht zu besuchen: "Ich wurde gewählt, um an Lösungen zu arbeiten und nicht, um mich fotografieren zu lassen."

Die Ölpest, deren Ausmaße lange heruntergespielt wurden, setzt dem Ansehen des Premiers zu: Die Popularität der VP-Regierung sinkt, der Abstand zu den Sozialisten schmilzt. SP-Chef Rodríguez forderte nach einem Treffen mit EU-Währungskommissar Solbes 280 Millionen Euro aus dem EU-Solidaritätsfonds. Für El Pais ist die Ölkatastrophe "Spaniens Tschernobyl".

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