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Foto: AFP/Jose Caruci
"Das ist die Stunde des Volkes, koste es, was es wolle", tönt blechern die Stimme von Hugo Chávez an der Ecke der Plaza Bolivar im Zentrum von Caracas. Seine Worte gehen unter im Gelächter der Kinder, die sich neben einem schwitzenden Nikolaus fotografieren lassen und im Geschrei der Straßenhändler, die auf dem von Kolonialbauten eingerahmten Platz Sonnenbrillen, Christbaumschmuck und Spielzeug feil bieten. 50 Personen versuchen dennoch, der Sonntagsansprache des Staatschefs zu folgen. Alfredo dreht verzweifelt an seinem Radio, an das er ein uraltes Megafon angeschlossen hat. Chávez spricht seit mehr als drei Stunden. "Die Batterien sind fast leer", konstatiert der gedrungene, dunkelhäutige Mann und lässt ein Sparschwein herumgehen, in das die Umstehenden Münzen werfen. An der "heißen Ecke"

Tagtäglich kommt er hierher, an die so genannte "heiße Ecke", dem Open Air Stammtisch der Chávistas, wie die Anhänger des Präsidenten genannt werden. Seit der linkspopulistische Ex-Putschist an der Macht ist, hat sich einiges geändert in Venezuela. Die Gesellschaft hat sich politisiert und polarisiert, Politik findet nicht mehr im Parlament oder in den diskreditierten Parteien statt, sondern auf den Plätzen der Stadt. Hier geht es um Macht und um Ideologie. Vom Taxler zum Uni-Professor gibt jeder seine Meinung zum besten, aber nur im eigenen Lager. Miteinander reden die Widersacher nicht. "Wir werden Chávez mit Zähnen und Klauen gegen die bleichen Parasiten verteidigen", verspricht Alfredo. "Er ist einer von uns." Einer, der die alte, korrupte Elite hinweggefegt hat und "uns Würde und Hoffnung gab", wie der Bauer Alberto Mayz betont. "Und wir sind die Mehrheit, schließlich sind hier in Venezuela 80 Prozent arm", fügt er hinzu. "Die anderen sind Egoisten, haben alles und wollen nicht teilen." "Nein zum Streik"

So sieht das auch Rosalba Gonzalez. Die 59-jährige allein erziehende Mutter lebt von dem Krimskrams, den sie auf der Straße verkaufen kann. Seit die Opposition vor einer Woche den Generalstreik ausrief, mit dem der Präsident zum Rücktritt gezwungen werden soll, hat sie kaum ein Auge zugetan. "Nein zum Streik", prangt auf dem Plastikanhänger, den sie sich um den Hals gehängt hat. Rosalba hat seither alle Reden des Präsidenten verfolgt und alle Demonstrationen mitgemacht. "Mit diesem Streik wollen sie ihn in Knie zwingen. Das lassen wir nicht zu. Er hat geschworen, das Volk nicht zu verlassen, ich halte zu ihm bis in den Tod." Um ihre Entschlusskraft zu demonstrieren ruft sie einen jungen Mann her. "Zeig, wie sie dich zugerichtet haben", fordert ihn Rosalba auf. Der Neuankömmling führt zwei Narben an der Schläfe vor. "Das war die Polizei im April, beim gescheiterten Umsturz", erläutert Rosalba. Auf der gegenüberliegenden Seite der Plaza erinnern fünf Einschusslöcher an die Unruhen, bei denen 20 Menschen ums Leben kamen. "Die sind so blind"

An die heiße Ecke will Emilia nicht gerne erinnert werden. Als sie Anfang der Woche dort mit ihrer venezolanischen Flagge - ein Kennzeichen der Chávez-Gegner - vorbeilief, wurde sie angepöbelt. "Was willst du hier, Bleichgesicht, verschwinde!" riefen sie ihr hinterher. "Die sind so blind, so verbohrt, mit denen kann man nicht reden", sagt die 60-jährige Universitätsprofessorin. Doch Emilia hat ein Sakrileg begangen, denn die Fronten sind klar abgesteckt: die Anhänger von Chávez kontrollieren das Zentrum und die Armenviertel im Westen, während die chiceren Gegenden im Osten Terrain der Regierungsgegner sind. Die Plaza Altamira, auf der sich Emilia heute eingefunden hat, wurde zum "befreiten Gebiet" erklärt. Ein Dutzend rebellierender Offiziere haben hier ihr Feldlager aufgeschlagen, auf einer Bühne findet ein Dauer-Happening statt. Mal tönen Protestsongs über die Lautsprecher, mal wird mit Kochtöpfen geklappert oder ein Offizier spricht zur Menge. Emilia trägt wie die meisten Anwesenden schwarz. Vor zwei Tagen starben auf diesem Platz drei Menschen als Bewaffnete das Feuer eröffneten. An der Stelle liegen Blumen und brennen Kerzen. "Chávez Mörder", steht auf einem Schild. José Gregorio ist dennoch gekommen: "Wir können nicht dulden, dass Chávez so auf unseren Rechten herumtrampelt." "Hau endlich ab, nein zum Autoritarismus" sind einige der Slogans, die auf T-Shirts prangen. "Diese Regierung ist nicht legitim, wir haben eine Präsidenten, der zum Hass aufruft im Namen einer Revolution, von der keiner weiß, was sie eigentlich soll", begründet General Edgar Bolivar seine Rebellion. Aber das Schlimmste sei die vergiftete Atmosphäre, findet Emilia. "Mein Bruder ist Chávista und spricht nicht mehr mit mir. Ich weiß nicht, wie der, der nach Chávez kommt, das wieder reparieren kann."(DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2002)