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Die personifizierte Leidenschaft hat einen Namen: Esther Marrow!

Foto: APA/BB Promotion / Wolfgang Weimer
Mit der New Yorkerin Queen Esther Marrow und den Harlem Gospel Singers gastiert eine der wichtigsten Künstlerinnen des Gospels in Österreich. In ihrer Show predigt sie mit klassischen und zeitgenössischen Mitteln vor allem eines: Musik! Wien - "Das Wort 'säkular' ist kein afrikanischer Ausdruck. In den rund 1100 Sprachen Afrikas gibt es kein Wort dafür. Übertragen auf die Musik bedeutet das für uns, dass alle Musik von Gott kommt. Das ist der afrikanische Gesichtspunkt", erklärt Reverend Wyatt Tee Walker, ein bekannter New Yorker Musikarchäologe, Autor und Wegbegleiter von Dr. Martin Luther King, dem STANDARD. Dieser Einschätzung zufolge kam es zu also zu keinem "Sündenfall", als die Chorknaben afroamerikanischer Kirchen in den 50er-Jahren plötzlich in Scharen flügge wurden und ihre Stimmen in den Dienst des weltlichen Hedonismus und der baren Münze stellten. Das Weihwasser wich dem Feuerwasser, und statt Jesus zu huldigen, wurde "Baby" angeschmachtet. "Race Music" nannte man diese Musik, bevor der Produzent Jerry Wexler mit "Rhythm and Blues" einen nicht rassistischen Begriff für die schwarze Hitparadenmusik erfand. Dass die Weltlichkeit dieser Musik nicht bei triefenden Beziehungsdramen im Dreiminutenformat endete, zeigte die Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre: Schwarze Künstler/Innen wie Nina Simone oder Solomon Burke besannen sich alter Kirchenlieder wie I Wish I Would Knew (How It Feels To Be Free) und enterten mit diesen angesicht tagespolitischer Ereignisse plötzlich wieder relevanten Songs die Charts. Die zu jener Zeit mit Dr. Martin Luther King befreundete Gospelsängerin Queen Esther Marrow sang damals Titel wie Things Ain't Right oder And When I Die und schrieb 1969 zusammen mit einem gewissen Joe Zawinul das zum Standard gewordene Walk Tall . Allesamt gespeist aus dem Prinzip Hoffnung - der Antriebskraft des Gospels. Queen Esther Marrow zählt zu den bedeutendsten Botschafterinnen dieser Musik. Die heute 61-Jährige wurde 1965 in New York von Duke Ellington entdeckt. Damals begann eine Karriere, die über das Civil Rights Movement zu Auftritten mit Mahalia Jackson, Harry Belafonte oder - in den 80ern - auch Bob Dylan führte. Ende der 80er-Jahre versandete diese jedoch, und die Frau mit dem majestätischen Namen musste in einem Highway-Mauthäuschen das Geld für ihre Miete verdienen. Gospel-Boom 1992 gründete sie die Harlem Gospel Singers. Von nun an ging es wieder steil bergauf. Marrow wurde eine der Hauptverantwortlichen des Gospel-Booms in Europa. Wobei man unterscheiden muss zwischen einer Gospel-Show und einer richtigen Messe. Eine Gospel-Show ist das Destillat einer Messe. Zwar Gospels, aber mit formalen Elementen aus dem Pop aufbereitet. Wyatt Tee Walker: "Gospel-Shows sind einen Gratwanderung. Es gibt Leute, die wollen dabei einfach Spaß haben. Das ist okay. Andere fühlen die religiöse Dimension der Musik. Auch wenn sie dieser, wie in Europa, ja beraubt wurden. In Europa besteht nach wie vor die Ansicht, dass emotionell sein gleichbedeutend mit unintellektuell sein ist. Das ist ein großer Irrtum. Denken Sie nur an Dr. King, einen der schlauesten Köpfe des vergangenen Jahrhunderts. Der kam geradewegs aus der Kirche. In europäischen Kirchen herrschen immer noch strenge Etikette und steifer Formalismus, was in krassem Gegensatz zur Natur des Menschen steht. Wir sind Geschöpfe aus Gefühl und Intellekt. Viele Europäer, die mit Gospels in Berührung kommen, fühlen sich deshalb erleichtert, weil er diese beiden Komponenten für sie zusammenführt. Wenn das passiert, ist mir eine Gospel-Show nur recht." Marrow gilt darin als Meisterin. Während Gospel-Veranstaltungen oft nur den Emotionsvoyeurismus des Publikums bedienen und dieses beim hoppertatschigen Mitklatschen zu Oh Happy Day die Weihnachtskekse zerbröselt, lädt Marrow mit ihren Harlem Gospel Singers zu einem lebendigen Rundgang durch ihre Welt und Kultur. Auf ihrer aktuellen Europatournee Walk Tall , die sie für zwei Wochen auch nach Wien führt, kann man sich nun gewissermaßen "The Real Thing" anschauen. Mit ihrer vielköpfigen Formation interpretiert die Stimmgewaltige nicht nur bekannte Songs wie Amazing Grace oder Precious Lord , sondern führt auch Titel zurück zu ihren Ursprüngen, die man kaum als Gospels identifiziert hätte. Etwa Working On A Building , dass sich auf Queens eben erschienenem Album God Cares befindet. Marrow personifiziert die lebendige Leidenschaft von Gospels. In die von Mercedes Ellington, der Enkelin des Duke, choreografierte Show lässt sie zeitgenössische Elemente einfließen, ohne Ausverkauf zu betreiben. Im Gegenteil. Angesichts der Euphorie und Intimität, mit der Marrow vorträgt, scheint es ein solche Balance einfach zu brauchen. Trotzdem missioniert Marrow nicht. Ihre Mission ist die Musik. Wie sehr sie darin aufgeht, formuliert sie selbst am besten: "Manchmal singe nicht ich Gospels, sondern der Gospel singt mich." Ob man bei Marrows Show Spaß empfindet oder darin die von Walker angesprochene religiöse Dimension erkennt, wird individuell entschieden. Unberührt bleibt von dieser Queen sicher niemand. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.12.2002)